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13.02.2007

Ist Marx ein Muss für die neue Linke?


von Katja Kipping, UTOPIE kreativ, H. 196 (Februar 2007)

Zu der Frage, inwieweit Marx ein Muss für die Linke ist, gab es im 20. Jahrhundert im Wesentlichen zwei Zugänge: Während die einen Marx bzw. die Marxrezeption, die sie für die wahre hielten, als absolutes und exklusives Muss für linke Politik hielten, meinten die anderen, man könne linke Politik ganz ohne Rückgriff auf Marx begründen.


Marx-Engels-Plastik in Berlin-Mitte
Marx-Engels-Plastik in Berlin-Mitte

Ersteres führte leider nicht selten dazu, dass bestimmte Marxrezeptionen als ideologische Legitimation von autoritären und antidemokratischen Vorgehensweisen missbraucht wurden. Die aktuelle Entwicklung der Sozialdemokratie hingegen veranschaulicht, auf welche Irrwege der komplette Verzicht auf die Marx'sche Kritik der politischen Ökonomie führen kann. Die Gefahr beider unkritischen Zugänge besteht heute ebenfalls noch. Insofern sollte die Frage nicht heißen, ob Marx ein Muss ist, sondern welcher Marx sich der neuen Linken empfiehlt?

Welcher Marx empfiehlt sich der neuen Linken? Kaum jemand hat wie Marx

vorhergesehen, wie der Kapitalismus die Welt verändern würde. Was Mitte des 19. Jahrhunderts noch kaum vorstellbar erscheinen mochte, kann heute, Anfang des 21. Jahrhunderts, in vielen Punkten als treffende Gesellschaftsbeschreibung gelesen werden. (1) So gilt das bereits im Manifest dargestellte Bedürfnis der Wirtschaft nach einem stets ausgedehnten Absatzmarkt zu Recht als treffende Beschreibung der der Globalisierung zu Grunde liegenden Motive. Die Verschärfung der finanziellen Inhaftnahme von Angehörigen im Sozialrecht, z. B. durch Hartz IV in Deutschland, beweist einmal mehr, wie recht Marx hatte, als er 1848 im Manifest schrieb, dass die Bourgeoisie dem Familienverhältnis seinen rührend sentimentalen Schleier entrissen habe und es auf ein reines Geldverhältnis zurückführe.

Die Fortschrittlichkeit seines Denkens wird vor allem im Vergleich mit den zu seinen Lebzeiten herrschenden Diskursen deutlich. So mag die Erkenntnis, dass der Grad der zivilisatorischen Entwicklung eines Landes in einer gewissen Abhängigkeit vom Stand der materiellen Produktion steht, heute als common sense ohne besonderen revolutionären Gehalt gelten. Damals, im 19. Jahrhundert, als in philosophischen Debatten vor allem gern auf Phänomene wie Geist und Bewusstsein verwiesen wurde, musste ein Satz wie »Das Sein bestimmt das Bewusstsein« erst einmal gedacht werden. Marx als Ökonom und Analytiker stellt also eine wichtige Quelle für die neue Linke dar, bei der es sich lohnt, immer wieder nachzuschlagen.

Der von ihm dargestellte Zusammenhang von Ökonomie und Gesellschaft ist oft falsch verstanden worden. Das von Marx geprägte Bild von der Ökonomie als Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft wurde und wird oft als eine Gleichsetzung von Gesellschaft und Marktgesellschaft interpretiert. Der Staat wird demzufolge allein in seiner Funktion als Büttel des Kapitals verstanden. Solche Interpretationen übersehen das Wesen des Begriffs Anatomie. Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, die Frage »Was ist der Mensch?« dadurch erschöpfend beantworten zu wollen, dass er auf die menschliche Anatomie verweist. (2) Das Verständnis von der Ökonomie als Anatomie der Gesellschaft lässt also durchaus Raum für weitere Funktionsbeschreibungen der Gesellschaft.

Das Wissen um den entfremdenden Charakter von Erwerbsarbeit im Kapitalismus ist einfach unverzichtbar für die neue Linke. Trotz dieser Erkenntnis wird von Seiten traditioneller Linker gelegentlich versucht, Marx als Kronzeugen zu missbrauchen für die linke Version des biblischen Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Dabei wird jedoch übersehen, dass Marx' Schriften Anknüpfungspunkte für einen wesentlich reflektierteren Arbeitsbegriff enthalten, als er heute innerhalb des erwerbsarbeitsfokussierten Teils der Linken üblich ist. Da gerade Gegner des Grundeinkommens gern Arbeit als Stoffwechselprozess mit der Natur darstellen, sei an dieser Stelle auf die Fortführung des Zitats verwiesen: »Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, (...) worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. (...) Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. (…) Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt.« (3)

Die hier von Marx beschriebene Arbeit ist ergo erstens eine unmittelbare materielle und notwendige Arbeit und zweitens eine schöpferische Tätigkeit. Über den – oft unterschätzten – Stellenwert der schöpferischen Tätigkeit bei Marx gibt folgende Aussage Auskunft: »Das produktive Leben ist aber das Gattungsleben (…) und die freie bewußte Tätigkeit ist der Gattungscharakter des Menschen.« (4) Dabei ist free activity, not labour die Marx'sche Vision. (5) Diese freie produktive Tätigkeit vollzieht sich in der »freie(n) Zeit, die sowohl Mußezeit als Zeit für höhre Tätigkeit ist«. (6) Marx kannte also sehr wohl auch antike Vorstellungen hinsichtlich des unterschiedlichen Stellenwertes von Tätigkeiten im Bereich der vita activa und des Stellenwertes der Muße. Für die Suche nach Alternativen, die auch angesichts eines tief greifenden Wandels der Arbeitswelt jedem Menschen Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen, bedarf es keiner Absolution durch Karl Marx. Und über das Für und Wider eines bedingungslosen Grundeinkommens sollte auch unabhängig von unterschiedlichen Marxrezeptionen gestritten werden. Festzuhalten ist jedoch, dass sich Marx nicht wirklich als Kronzeuge für die Fokussierung auf Erwerbsarbeit eignet.

Auch methodisch empfiehlt sich für die neue Linke der Rückgriff auf Marx. Da wäre neben dem Prinzip der Dialektik sein Anspruch, die Wirklichkeit ernst zu nehmen und auf Grundlage gründlicher Analyse über sie hinaus zu denken. Dieser Anspruch führte in seiner Konsequenz wiederum zur Ablehnung von einem allein gefühlsgeleiteten Aktionismus, welcher von ihm nur als kleinbürgerliche Schwärmerei bzw. Donquichotterie verspottet worden wäre.

Wenn man heute – mehr als anderthalb Jahrhunderte, nachdem das Manifest der Kommunistischen Partei verabschiedet wurde – auf die Schriften von Karl Marx zurückgreift, dann kann dies nicht unkritisch vonstattengehen. So enthält beispielsweise die Kritik des Gothaer Programms eine Polemik gegen unentgeltlichen Unterricht, weil das faktisch hieße, »nur den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel [zu] bestreiten«. (7) Dieses Zitat wurde schon von so manchem Gegner der Lernmittelfreiheit angeführt. Was die neue Linke jedoch nicht von dem Ziel der Lernmittelfreiheit abbringen sollte, sondern eher ein weiteres Mal die Frage aufwirft:

Welcher Marx ist kein Muss für die neue Linke?

In Zeiten wie diesen, in denen Lohnkürzungen mit den Herausforderungen der Globalisierung und Kürzungen bei den Ärmsten mit finanziellen Sachzwängen begründet werden, ist es sicherlich hilfreich, sich immer wieder den antagonistischen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit bewusst zu machen. Dies darf jedoch nicht zu ökonomistischen Verkürzungen führen, denn die Unterdrückungsverhältnisse sind vielfältig. Auch gibt es Unterdrückungsverhältnisse wie die zwischen den Geschlechtern, die älter sind als der Kapitalismus und die sich eben nicht durch den antagonistischen Widerspruch allein erklären lassen. Wenn Nazis Menschen mit anderer Hautfarbe angreifen, dann gibt es dafür keine wirtschaftlich bedingte Entschuldigung. Auch der Umstand, dass die Haus- und Erziehungsarbeit immer noch extrem ungerecht zwischen Männern und Frauen verteilt ist, liegt wohl eher am Patriarchat und weniger am Kapital. Zumindest gibt es keinen garantierten Automatismus zwischen Abschaffung des Kapitalismus und Überwindung des Patriarchats. So lag auch im real existierenden Sozialismus die Hauptlast der Haus- und Erziehungsarbeit auf den Schultern der Frauen – und das bei gleicher Beteiligung an der Erwerbsarbeit.

Viel zu oft wurden Marx' Werke dahingehend interpretiert oder missdeutet, dass die neuen Verhältnisse mit neuen Menschen geschaffen werden sollten, wobei nebensächlich war, mit welchen Methoden diese neuen Verhältnisse zu erschaffen seien. Diese Rezeptionen mögen auch daran liegen, dass Demokratie und Überlegungen zur Organisation des Staates in den Werken von Marx eher eine Leerstelle darstellen. Für die Linke sollte hingegen klar sein: Weg und Ziel gehören zusammen. Herrschaftliche und undemokratische Methoden konterkarieren jedes noch so fortschrittliche Ziel. Und ein zentrales Ziel linker Politik heißt Demokratisierung – sowohl der Wirtschaft als auch der politischen Strukturen.

Nicht alle Facetten von Marx' Arbeit sind für die Linke heute von solcher aktuellen Relevanz wie seine politökonomischen Erkenntnisse. So geht sein geschichtsphilosophischer Ansatz von einer gesetzmäßigen Entwicklung der Geschichte in Richtung Kommunismus aus. Dem zu Grunde liegt die Annahme, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse für die sich entwickelnden Produktivkräfte zu einer starren Hülle werden, welche gesprengt werden. Jedoch das Gegenteil wurde empirisch bewiesen. Der Kapitalismus hat nicht als Fessel der entwickelten Produktivkräfte gewirkt, sondern diese im Gegenteil sehr erfolgreich gebändigt. Sogar ursprünglich dissident angelegte Strukturen wurden gekonnt in den kapitalistischen Verwertungsmechanismus implementiert. Das Gesicht von Che Guevara erweckt nicht nur bei Jung und Alt revolutionäre Gefühle, sondern ist zu einem sich hervorragend vermarktenden Produkt geworden. Bands, die antraten, um mit kritischen Texten ihren Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft zu leisten, wurden letztlich auch abhängig von der Vermarktung ihrer Songs und Fanartikel.

Aus der Marx'schen Geschichtsphilosophie entspringt die Zuversicht, dass sich alle Klassenkonflikte geradezu gesetzmäßig auf eine letzte epochale Kollision zuspitzen. Diese Zuversicht erwies sich in der Vergangenheit als trügerisch. Nicht die eine eruptive Kollision bestimmte die Geschichte, sondern lange Phasen der alltäglichen Herausforderungen und eine Vielzahl von Konflikten. Eine revolutionäre Handlung allein bewirkt keine nachhaltige Veränderung der Gesellschaft. Dazu bedarf es einer Strategie, die am Bestehenden anknüpft und Entwicklungen einleitet, die das Potenzial haben, andere Entwicklungspfade einzuleiten. Kurzum: Es bedarf einer transformatorischen Strategie und eines langen Atems. Sicherlich verläuft die grundlegende Transformation der Gesellschaft und Wirtschaftsordnung nicht immer gleichmäßig. Es gab und gibt Phasen mit besonderer Veränderungsdichte, die sich auch zu Brüchen verdichten können. Aber diese Brüche wirken nur nachhaltig, wenn sie in eine transformatorische Strategie eingebettet sind. Wenn die neue Linke also wirklich revolutionäre Veränderung in Gang setzen will, dann muss sie sich von der klassischen Revolutionsromantik verabschieden.

Wird ein Werk zum Dogma, dann bleibt kaum Platz für Ambivalenzen. Und damit tut man Karl Marx, der auch für seinen Hang zum polemischen Zuspitzen bekannt war, nun wahrlich Unrecht. Stammt doch aus seiner Feder die Feststellung, dass alles mit seinem Gegenteil schwanger gehe. Insofern ist die neue Linke gut beraten, in undogmatischer Art und Weise auf Karl Marx zurückzugreifen. Dazu gehört auch, traditionelle und theoretische Verengungen zu vermeiden.

Die Arbeiterbewegung ist eine wichtige Traditionslinie der Linken – aber nicht die einzige. Daneben gilt es, weitere Traditionslinien gleichberechtigt aufzugreifen – wie die der Frauenbewegung, der antirassistischen, antifaschistischen und ökologischen Bewegungen. Nicht zu vergessen die Tradition der Linken, die gegen staatliche Repressionen sowie für Grund- und Freiheitsrechte kämpfte und auf die Vielfalt der Lebensweisen setzte. Ebenso stellt der Marxismus eine wichtige intellektuelle Quelle für die neue Linke dar – aber eben nicht die einzige. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im folgenden Abschnitt weitere Quellen für die neue Linke aufgeführt.

Namedropping: Nicht nur Marx ist ein Muss für die neue Linke Da sind zum einen die beiden großen Maximen von Rosa Luxemburg »Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden« und »Keinen Sozialismus ohne Demokratie – keine Demokratie ohne Sozialismus«. (8) Wann immer in der Vergangenheit die Linke diese Maxime missachtete, kehrte sich dies wie ein Bumerang gegen sie selbst.

Viele Denker haben sich mit dem Wandel der Arbeitswelt auseinander gesetzt. Stellvertretend dafür sei an dieser Stelle André Gorz erwähnt. Dieser führt aus, dass es auf der einen Seite einen Kern von qualifizierten, durch Tarifverträge geschützten Arbeitern und Angestellten und auf der anderen Seite eine fluktuierende Belegschaft von Zeitarbeitern in unsicheren Stellungen gäbe. »Je nachdem, ob man die Spaltung (…) akzeptiert, sie gar festigt oder aber nach Mitteln sucht, sie zu bekämpfen und zu überwinden, bezieht man links oder rechts Stellung.« (9) Diese Erkenntnis ernst zu nehmen, heißt heute für einen erneuerten Solidaritätsbegriff zwischen all jenen zu streiten, die nur ihre Arbeitskraft als Ware haben. Dabei kommt es zuerst einmal darauf an, alle Versuche, Beschäftigte mit Tarifverträgen gegen Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen bzw. gegen Erwerbslose oder Scheinselbstständige auszuspielen, als miesen Trick der Entsolidarisierung zu enttarnen. Zudem bedarf es eines stärkeren Zusammenwirkens zwischen den Kämpfen der Beschäftigten, des Prekariats und der Erwerbslosen. Das setzt das Verständnis für die differenzierten Interessenlagen und den Willen, diese zusammenzubringen, voraus.

Antonio Gramscis Ausführungen zur Zivilgesellschaft als umkämpftes und zu umkämpfendes Terrain für die Bildung von Hegemonie sind für die strategische Debatte der neuen Linken unverzichtbar. Zeigen doch alle Erfahrungen, die linke Parteien in Regierungsbeteiligung bisher machten, dass ein starker Rückhalt in der Öffentlichkeit für bestimmte Positionen eine wichtige Vorraussetzung – wenn auch kein Garant – für die Durchsetzbarkeit dieser Ziele in den koalitionsinternen Auseinandersetzungen sind. So wurde die Durchsetzung von längerem gemeinsamem Lernen in Mecklenburg-Vorpommern in der rot-roten Koalition erleichtert durch den großen Zuspruch, den dieses Vorhaben in der ostdeutschen Bevölkerung genießt. Und die mehrheitliche Entscheidung eines Berliner PDS-Landesparteitages gegen Studienkonten fällt wahrscheinlich nicht nur zufällig zeitlich in die Höchstphase der Studierendenproteste. Für die neue Linke bedeutet dies, dass sie sich aktiv Rückhalt in der Zivilgesellschaft organisieren und zivilgesellschaftlich verankert sein muss.

Demonstrieren auf der Straße allein reicht jedoch nicht: Chantal Mouffe , die Theoretikerin der Radikaldemokratie, wirbt in ihrem aktuellen Essay »Exodus oder Stellungskrieg – Die Zukunft radikaler Politik« dafür, die Knotenpunkte der Macht ins Visier zu nehmen und zu transformieren, um die Grundlagen für eine neue Hegemonie zu legen. »Wer es ablehnt sich mit Institutionen einzulassen, mit dem Argument, dies würde notwendigerweise zur Kooptation führen, verdammt sich selbst zur Machtlosigkeit. Natürlich, die Gefahr der Kooptation wird immer bestehen, und Wachsamkeit ist von Nöten. Aber der Zivilgesellschaft allein wird es nicht gelingen, die Machtstrukturen zu transformieren. Sie kann ein wichtiges Terrain für die Artikulation von Forderungen und die Erarbeitung von Vorschlägen darstellen, doch ohne das Relais von politischen Institutionen wird ihr Aktionsradius sehr begrenzt bleiben.« (10)

Protest und Widerstand einerseits sowie Gestaltung und schrittweise Verbesserung andererseits (sowohl in der Opposition als auch in der Regierungsverantwortung) schließen sich also nicht aus, sondern bedingen einander. In Verbindung mit über den Kapitalismus hinausweisenden Alternativen bilden sie ein strategisches Dreieck. Dieses wurde in der Strategiedebatte der PDS herausgearbeitet und sollte für die neue Linke zur strategischen Basis werden.

Kürzlich feierte die Linke den 100. Geburtstag von Wolfgang Abendroth. Er schrieb als Jurist und Politologe einst der Linken ins Stammbuch, dass links sein auch bedeutet, die durch das Verfassungssystem garantierten demokratischen und sozialen Rechte gegen jede Verletzung zu schützen sowie für die volle politische und soziale Gleichberechtigung von Migranten einzutreten. (11) Hier hat die Linke noch Steigerungspotenzial, denn so wichtig der Kampf gegen Sozialraub ist, die Linke muss aufpassen, die Kritik daran nicht nur aus Sicht des deutschen, männlichen Beschäftigten zu führen. Neben Alternativen zu Hartz IV gehören Initiativen zur Verbesserung der Lebenssituation von Migranten wie beispielsweise eine Legalisierungskampagne ebenso auf die Agenda der Linken.

Zusammenfassend ist zu sagen: Jenseits aller theoretischen Verengungen ist Marx als Ökonom, als brillanter Denker und Analytiker für die neue Linke tatsächlich ein Muss. Wobei es sich gerade im Themenbereich Arbeit lohnt, auch seine emanzipatorischen Ansatzpunkte zur Kenntnis zu nehmen. Der Rückriff auf Karl Marx darf aber nicht im Sine eines doktrinären Korsetts vonstatten gehen. Viel mehr kommt es darauf an, mit Marx auch über ihn hinaus zu denken. Denn wie heißt es doch so schön bei dem Marx-Kenner Robert Misik: »Denken, das an Marx geschult ist, ist gegen habituell-konservative Verzagtheiten ebenso immunisiert wie gegen monokausale Simplifizierungen und damit gerade für unsere vielfach interdependenten Gesellschaften die Bedingung eines jeden Erkenntnisprozesses. (…) Es gibt heute keine bessere Weise, denken zu lernen, als Marx zu lesen.« (12)

 

Katja Kipping – Jg. 1978, Magister in Slavistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaft; stellv. Bundesvorsitzende der Linkspartei.PDS, Mitglied des Bundestages, sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE.; zuletzt in UTOPIE kreativ: Und weil der Mensch ein Mensch ist: Garantiertes Grundeinkommen , Heft 176 (Juni 2005) ; »Sind wir hier bei ›Wünsch dir was?‹« Thesen für einen neuen Sozialstaat (mit Michael Opielka und Bodo Ramelow, Heft 186, April 2006 ).

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1 Vgl. dazu: Eric Hobsbawm: Das Kommunistische Manifest, in: Derselbe (Hrsg.): Das Manifest heute – 150 Jahre Kapitalismuskritik. VSA-Verlag Hamburg 1998, S. 20 ff.

2 vgl. dazu Olaf Miemiec: Bemerkungen über Emanzipation, in: Zeitung für unfertige Gedanken, Februar 2006, http://www.zeitfug.de .

3 Karl Marx: Das Kapital, Bd. I, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke (MEW), Bd. 23, S. 192 f.

4 Karl Marx: Ökonomischphilosophische Manuskripte (1844), in: MEW Ergänzungsband, Erster Teil, S. 516.

5 Vgl. Karl Marx: Theorien über den Mehrwert (Vierter Band des »Kapitals«), Dritter Teil, in: MEW Bd. 26.3, S. 253.

6 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW Bd. 42, S. 607 (in der Handschrift steht Musezeit statt Mußezeit).

7 Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, in: MEW, Bd. 19, S. 30.

8 Wörtlich heißt es: »Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ›Gerechtigkeit‹, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ›Freiheit‹ zum Privilegium wird.« Und: »Dagegen ist der Sozialismus die Garantie demokratischer Rechte, ohne sie ist Sozialismus unmöglich. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. Das öffent-liche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer (...) dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft – eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker, d. h. eine Diktatur im rein bürgerlichen Sinne«. Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution, in: Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1974, S. 358 ff.

9 André Gorz: Garantierte Grundversorgung aus rechter und linker Sicht, in: Michael Opielka, Georg Vodruba (Hrsg.): Das garantierte Grundeinkommen, Fischer Verlag Frankfurt a. M. 1986, S. 54.

10 Chantal Mouffe: Exodus oder Stellungskrieg, Verlag Turia Wien 2005, S. 38 f.

11 Vgl. dazu Andreas Diers: Alles was links ist – Wolfgang Abendroths kleiner Katechismus, in: Neues Deutschland, 29./30. April 2006, S. 19.

12 Robert Misik: Marx für Eilige, Berlin 2003, S. 132 f.








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