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27.02.2007

Fratze statt Mythos


Quelle: freitag 5/ 2007, von Franz Schandl

Kraushaar und Reemtsma wollen mit der RAF gleich auch die Achtundsechziger delegitimieren

Was die praktische Seite betrifft, ist das Kapitel RAF wohl endgültig abgeschlossen. Was die theoretische Sichtung angeht, geht es freilich heiß her. Die von Wolfgang Kraushaar vorgelegte Bilanz ist leider im wahrsten Sinne des Wortes eine Abrechnung. Da werden alte Rechnungen beglichen, von denen die meisten Leser nichts wissen können. Woraus rührt die Aggressivität nicht weniger Autoren? Fühlten sie sich jahrelang eingemeindet in eine Geiselhaft falscher Solidarität? Das mag sein und einiges erklären. Aber rechtfertigen tut es nichts.

Natürlich gibt es interessante Parallelen zwischen Rudi Dutschke oder Andreas Baader mit rechten Denkern wie Jünger, Heidegger oder Schmitt. Kraushaar und andere konstruieren jedoch schlüssige Linien, zum Beispiel anhand des Dezisionismus. Mit gar nicht so großem Geschick könnte man auch nachweisen, dass Horkheimer, Marcuse oder auch Günther Anders Adepten Heideggers gewesen sind. Einschlägige Textsequenzen sind leicht zu finden. Es ist eine bequeme Rezeption, in der eine philologische Montage die kritische Aufarbeitung abgelöst hat. Die Methode besteht darin, aus dekontextualisierten Zitaten in kriminologischer Manier Indizien zu basteln, um bestimmte Punzierungen zu ermöglichen und entsprechende Tickets auszustellen. Den dezisionstischen Hang zum Voluntarismus könnte man doch auch dechiffrieren als Zuspitzung des bürgerlichen Glaubens an den freien Willen. Was in jeder Hinsicht naheliegender wäre.

Wie mache ich ein Puzzle aus Benjamin und Baader, auf dass sich ein logisches Bild ergibt? Nun, man nehme einen Text des Ersteren und ein Exzerpt des Zweiteren, garniere es mit einem Schuss Carl Schmitt, und fertig ist das Gemälde. Wenn Schmitt erklärt, souverän sei, wer über den Ausnahmezustand verfügt, Benjamin ähnliches behauptet hat und Baader dem zustimmt, was sagt das aus? Dass rechts und links gleich sind? Wir würden doch annehmen, dass jene These nur richtig oder falsch sein kann. Darf man also Rechte und die Linke nicht zusammendenken? Oh doch, allerdings sollte man dabei die goldene Mitte nicht vergessen. Die ist kein unschuldiger Zentralkörper, dem alle Extremismen fremd sind. In dieser Publikation wird allzu oft die gesellschaftliche Totalität durch eine vorschnelle Phänomenologie erschlagen. Mit solcher Vorgangsweise kann man vielen vieles anhängen. Darum geht es. Hier soll ein Mythos durch eine Fratze ersetzt werden.

Ziel ist nicht bloß die Delegitimierung der RAF, was ja noch einzusehen wäre, sondern die Delegitimierung von ´68, und damit jeglichen emanzipatorischen Versuchs. Diese wirkt umso stärker, je mehr sie von Ehemaligen vorgetragen wird. Es handelt sich dabei um das Bedürfnis der in der Berliner Republik angekommenen Ex-Achtundsechziger. Das Hamburger Institut für Sozialforschung ist ihr lautstarker Verbrennungsmotor. Und das geht nicht klammheimlich, sondern lautstark über die Bühne. Wolfgang Kraushaar fungiert durchaus als Joschka Fischer der Wissenschaft. Apropos Frankfurter Spontis: Warum sind Cohn-Bendit und Fischer eigentlich verloren gegangen, warum kommen sie kaum vor und wenn, dann gut weg? Gibt es keine Elaborate, Reden und Auftritte wie jene von Dutschke oder hängt das damit zusammen, dass die beiden inzwischen den gleichen Positionswechsel wie Kraushaar vollzogen haben?

Was beabsichtigt wird, führt Jan Philipp Reemtsma in seinem Beitrag aus. Das scharfe Credo des endgültig Geläuterten liest sich: "Man versteht nichts von der Geschichte der RAF, wenn man nicht insbesondere die Gewaltlockung erkennt, die in der Idee eines nicht entfremdeten, authentischen Lebens liegt. Nur unter dieser Perspektive versteht man, wie es zu einem ›Mythos RAF‹ kommen konnte, wie dieser Gruppe Desparados, die sich in Brutalität und Vulgarität gefielen, die Aura des Rätsels zuwachsen konnte." Das Nichtentfremdete und das Nichauthentische mögen schon ihre Tücken haben, aber sie rechtfertigen doch nicht das Gegenteil. Das sieht Reemtsma, der mit einer überdimensionalen rechtsstaatlichen Brechstange durch die Gegend läuft, aber ganz anders und überhaupt: "Solidarität respektive Kameradschaft (sic!, F.S.) ... sind für solche, die das bürgerliche Leben nicht aushalten, weil es sie überfordert."

In aller Offenheit wird hier gesagt, was Sache es: Das bürgerliche Leben ist auszuhalten. Wer mit Markt und Staat, Arbeit und Geld nicht klarkommt, ist selber schuld "überfordert", letztlich ein pathologischer Fall. Unbehagen, Aufbegehren, Widerstand werden somit zum persönlichen Manko. Was die Gesellschaft verlangt, wird hingegen idealisiert. Jeder ist doch seines Glückes Schmied, sagt der gemeine Menschenverstand, und Reemtsma als wendiger wie gewendeter Ideologie übersetzt die marktliberalen Plattheiten ins Akademische. Dass die Leute der RAF es nicht ausgehalten haben, spricht nicht gegen sie, gegen sie spricht, dass sie falsche Konsequenzen gezogen haben. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Das Andere zu wollen, ist nicht nur falsch, sondern auch blöde: "Keine terroristische Gruppe könnte sonderlich erfolgreich sein ohne solche verständnisvollen Dritten, die die Sehnsüchte nach Authentizität, unentfremdeten Leben sive Undifferenziertheit und Dummheit teilen ... ." Einmal mehr wird der Sympathisant strapaziert: "Die Geschichte der RAF kann man nicht verstehen ohne die theorieförmigen Affekte verständnisvoller Dritter zu analysieren." Nein, die Geschichte von Reemtsma, Kraushaar und Co. kann man nicht verstehen ohne die theorieförmigen Defekte der Ehemaligen zu untersuchen. Reemtsma entsorgt nicht nur ein Verständnis, er entsorgt jedes Verstehen gleich mit. Die strikte Personalisierung der Tat fungiert als Freispruch für das gesellschaftliche System. Mehr als die Figur des Sympathisanten sollte die des Denunzianten interessieren.

Das manichäische Weltbild, das Reemtsma oder Kraushaar so salopp unterstellen, ist ihr eigenes. Nur spiegelverkehrt. Es sind die Fanatiker von Markt und Demokratie, die sich hier breit machen und alles niederwalzen wollen, was nach Kritik riecht, indem sie diese a priori unter Verdacht stellen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der gemeingefährlich totalitaristische Reflex wieder nach einem Radikalenerlass schreit. Der ist ja nichts anderes als eine politische Variante des germanischen Ausgrenzungswahn, der am anderen Ende auch ein Heimholungswahn ist. "Kapituliert!", schreit dieser neudeutsche Imperativ.

1968, das war ein Aufbruch von Antiautoritarismus und Autoritarismus, von Antifaschismus und (ja auch!) Antisemitismus, von Radikalität und Rabiatheit, von großer Phantasie und grober Illusion. Es war eine wilde, oft produktive, aber oft auch problematische Mixtur, die sich da breit machte. Das Gros der Achtundsechziger wurde sehr bald sozialdemokratisch und realsozialistisch aufgesaugt beziehungsweise verlief sich in diversen, hauptsächlich maoistisch orientierten, K-Gruppen. Der propagierte Marsch durch die Institutionen endete zwar mit einer Eroberung, aber mit der Eroberung der Menschen durch die Institutionen. Nur ein Bruchteil eines Bruchteils ging den Weg in den Untergrund. Diese Relationen sind zu achten. Insgesamt mag 68 gescheitert sein, aber es ist nicht ohne positive wie negative Wirkungen geblieben.

Der RAF braucht niemand nachzuweinen, auch 1968 muss nicht rehabilitiert werden, was jedoch verlangt werden kann, ist Realisierung des Kontexts und Respekt vor den Motiven. Die Fragen, die damals aufgeworfen wurden, sind ja mitnichten erledigt. Da mögen sich die ersten Antworten noch so blamiert, ja desavouiert haben. Wenn Kronzeugen unterwegs sind und die eigene Läuterung nicht an sich selbst, sondern an ehemaligen Genossen exekutieren, ist generell Vorsicht geboten. Da verminen welche das Forschungsgelände. Und drüber weht ein frischer Wind. Es ist der kalte alte. Willkommen in der FdGO!

Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus. Hamburger Edition, Hamburg 2006, 1.415 S., 2 Bände im Schuber, 78 EUR >>>










Kommentare:

02.11.2011 11:50:38
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