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Themen / [diskurs & debatte]

01.02.2014

Die Achsen der Erkenntnis


Neues Deutschland, 1.2.2014

Alex Demirovic über kritische Theoriebildung an den Unis, die Aktualität des Marxismus als Ensemble und das Verhältnis zum Feminismus

Weiterführende Texte:
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Was tun wenns brennt in Heiligendamm


nd: Alex Demirovic, wann haben Sie eigentlich zuletzt in einen der blauen Bände geschaut?

Demirović: Ach, das tue ich immer. Allerdings fehlt mir gerade die Zeit, manche Texte wieder einmal systematischer zu lesen und neuere Forschungen über Marx richtig zur Kenntnis zu nehmen.

Über die Renaissance von Marx ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben worden. Es gibt wieder mehr Kapital-Lesekurse, sogar in den Feuilletons spielt Marx wieder eine größere Rolle.
Das ist nicht nur eine Mode. Die Marxsche Theorie wird ja immer mal totgesagt. Aber sie hat in der bürgerlichen Gesellschaft die Achsen der Erkenntnis nachhaltig verschoben und erlaubt uns, Dinge unter emanzipatorischen Gesichtspunkten zu sehen und zu begreifen. Nirgendwo anders findet man derart umfassende begriffliche Instrumente, um die Herrschaftsverhältnisse und ihre ständig neuen Krisen zu dechiffrieren.  

Oliver Nachtwey, ein jüngerer kritischer Wissenschaftler, hat unlängst davon gesprochen, der Marxismus befinde sich »gerade inmitten der Phase der Rekonvaleszenz, erholt sich von seiner Vergewaltigung durch den Stalinismus und dem globalen Niedergang der sozialistischen Bewegung«. Nachtwey meinte aber auch, dass der Schwerpunkt des Marxismus schon längst nicht mehr in Deutschland liege, sondern in den Vereinigten Staaten und Großbritannien.
So allgemein, wie Oliver Nachtwey das formuliert hat, stimme ich dem nicht zu. Und man sollte meines Erachtens auch nicht in Begriffen der nationalen Wettbewerbsfähigkeit diskutieren. Die marxistische Diskussion war immer eine, die sehr international geführt wurde.

In der früheren DDR spielte der Marxismus eine zentrale Rolle, wenn auch oft in der Art eines »Kirchenvätertextes«, wie das Dietmar Dath einmal genannt hat. Aber es herrschten auch ganz andere Reproduktionsbedingungen für die Theorie: Sie stand auf dem Programm von Parteischulungen, die Zigtausende absolvierten. Und sie wurde an den Universitäten fast überall gelehrt.
Ja, aber wir wissen auch, wie das geendet hat: mit abgebrochenen Karrieren, mit Wissen, das bei vielen Einzelnen zwar immer noch vorhanden ist, aber in der gegenwärtigen Situation wenig zur Geltung kommt. Man müsste mehr darüber wissen, wie eigentlich der »Marxismus« von den verschiedenen sozialen Gruppen und Individuen in der DDR gelebt wurde.

Und im Westen?
Hier war für den Marxismus kennzeichnend, dass er über Jahrzehnte seinen Ort vor allem an einigen Hochschulen und in bestimmten Disziplinen hatte. Das brachte gewisse Stärken mit sich: ausdifferenzierte Fragestellungen. Das führte aber auch zu Schwächen, nämlich eine weitgehende Trennung von der Praxis in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Deswegen war es dann auch relativ einfach, diese kritischen Diskussionen zurückzudrängen. Aber auch hier stellt sich die Frage, wie verbindlich er war.

Nachtweys skeptischer Blick auf die Rolle, die der »große erloschene Vulkan« Marxismus hierzulande heute spielt, hat eine Diskussion in den Reihen der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung mit angestoßen, die Ende des vergangenen Jahres in eine Konferenz in Berlin mündete: »Zur Lage des Marxismus«. War der Titel nicht etwas orthodox gewählt?
Ja, schon - aber aus meiner Sicht war das auch ironisch gemeint.

Inwiefern?
Wir wollten uns zunächst einmal mit dem Stand emanzipatorischer Theoriebildung, die sich auf Marx bezieht, befassen. Kritische Ansätze gibt es ja heute in vielen Facetten, doch sind sie oft nicht kritisch gegen kapitalistische Verhältnisse und sind auch insofern nicht radikal, als sie eine Überwindung bestimmter Herrschaftsverhältnisse gar nicht mehr erwarten. Allerdings wird mit der Formulierung »Lage des Marxismus« auch suggeriert, dass wir es mit einer einheitlichen Denk- und Theorieformation zu tun hätten. Zudem tut der Titel so, als könne von einer privilegierten Sprecherposition der historische Stand dieses Denkens überblickt und objektivierend bestimmt werden, wo sich dieses Denken heute befindet.

Und das ist nicht der Fall?
Nein, eher nicht. Meines Erachtens gibt es keine einheitliche Lehre »Marxismus«. Wir haben es mit einem globalen Ensemble von Erfahrungen, Praktiken, Theorien und Analysen zu tun.

Wie ist nun, um das noch einmal aufzugreifen, die »Lage des Marxismus«?
Die Konferenz sollte eine schon länger schwelende Debatte über die Entwicklung marxistisch orientierter Wissenschaft an den Hochschulen in der Bundesrepublik bündeln. Das meine ich auch mit dem ironischen Akzent: Es ging uns nicht um den weltgeschichtlichen Stand einer Lehre, sondern um die konkreten Arbeits- und Erkenntnisbedingungen, es interessierten uns die konkreten Möglichkeiten, heute an den Unis und in der wissenschaftlichen Arbeit an Marx anzuschließen. »Akademischer Marxismus« war ja einmal kritisch gemeint, und durchaus zu Recht. Aber gleichzeitig stellten die Hochschulen und die akademische Arbeit einen wichtigen Bezugspunkt für die marxistische Diskussion dar: Es wurde dadurch die Naivität von zu viel Gesinnungsantikapitalismus kritisch korrigiert.

Gibt es diesen Bezugspunkt noch?
Ja, aber in deutlich geringerem Maße. Dennoch hat die Frage nach der »Lage des Marxismus« offenbar auch einen Nerv getroffen. Immerhin kamen trotz des Titels rund 300 Leute.

Oder vielleicht wegen?
Ja, das wohl auch. Zum Beispiel, um Kritik an der Fragestellung der Konferenz zu üben.

Nämlich?
Einige empfanden unseren Bezug auf »den Marxismus« als unkritisch. Sie wiesen zu Recht darauf hin, dass der Marxismus nicht nur Kritik, sondern eben auch Herrschaftsmittel war oder ist. Im Namen des »Ismus« wurde Anspruch auf eine letzte Wahrheit erhoben, es konnten sich deswegen auch autoritäre Praktiken auf ihn berufen. Aus dem Marxismus ist zum Teil eine Weltanschauung gemacht worden, die auf alles eine Antwort parat haben sollte.

Das ist als Kritik nicht unbedingt neu.
Ja, schon. Aber es ergeben sich interessante und wichtige Fragen daraus. Ist die Theorie von Marx einfach nur eine Theorie wie andere soziologische oder ökonomische Theorien, die sich einfach als wertneutrale Hypothesen geben? Ist es der »Ismus«, der zu dem autoritären Moment geführt hat? Es bedarf ja der Verankerung der Theorie in den alltäglichen Überzeugungen und Praktiken, wenn die Theorie gesellschaftsverändernd und umfassend verändernd wirken soll. Ist die Beschränkung auf akademische Erkenntnis und theoretische Argumentation außerhalb der kulturellen und politischen Praktiken, in denen Sinn erzeugt wird, nicht zwangsläufig steril? Wäre es nicht wünschenswert, dass die Fähigkeit des anspruchsvollen theoretischen Denkens auch den Alltag durchdringt?

Aber anders herum könnte man auch fragen, ob kulturelle und politische Praktiken, auch systemkritische, die Theorie von Marx überhaupt brauchen.
Wozu sie das brauchen? Um genauer zu begreifen, in wie vielen Hinsichten über die heutigen Verhältnisse hinausgegangen werden muss, wie weitgehend und umfassend emanzipatorische Prozesse angelegt sein müssen. Und: Die Theorie von Marx ist mehr als einfach nur Wissenschaft oder Theorie unter anderen, sie ist eben auch »Philosophie«, weil sie das Ganze in den Blick nimmt, das aus einer Vielzahl von Herrschaftsverhältnissen besteht.

Aber welche linke Partei in Europa beschäftigt sich heute noch wirklich mit zum Beispiel Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie, sieht man einmal von pflichtschuldigen Verweisen und Schaufensterreden ab, die eher zur Folklore gezählt werden müssen?
Im Sinne eines Rezepts braucht sicherlich keine Partei den Bezug auf Marx. Die Theorie bewegt sich auf einem anderen Feld als die politische Praxis, sie reicht viel weiter. Das Verständnis der realen gesellschaftlichen Entwicklung benötigt die komplexe Theorie. Dazu reicht die Kenntnis einiger Schriften von Marx nicht hin, aber sie geben wesentliche Begriffe und Impulse.

Nachtwey, um noch einmal auf diesen Ausgangspunkt zurückzukommen, hat die These vertreten, die marxistische Debatte in den angelsächsischen Ländern sei im Vergleich zur Bundesrepublik fruchtbarer.
Aber das war nun nicht auf die politische Praxis oder gar die Parteien gemünzt, sondern auf die Wissenschaft. Ich würde aber auch für den akademischen Raum zu einem anderen Urteil als Nachtwey kommen. Die anglophone Welt ist sehr groß, und es wurde in ihr in den vergangenen Jahrzehnten mit einer Vielzahl von wichtigen Forschungen und Diskussionen zur marxistischen Theorie beigetragen. Ich will nur ein paar Stichpunkte nennen: die Cultural Studies, die Analysen der US-Hegemonie und des Neoliberalismus von Peter Gowan oder den Neo-Gramscianern Robert W. Cox und Stephen Gill, die Theorien über den Finanzmarktkapitalismus von Leo Panitch, die Arbeiten von Jim O’Connor zur politischen Ökologie oder Bob Jessop zum Staat und zur Regulationstheorie. Die Liste ist in Wahrheit noch viel viel länger, man denke nur an die vielen feministischen Studien. Gleichzeitig hat aber auch im angelsächsischen Raum der Marxismus an den Hochschulen an Terrain verloren, eine Reihe von Zeitschriften hat ihren Charakter geändert.

Sie sprechen den Feminismus an. Wie der Marxismus handelt es sich um einen »Ismus«, aber doch fällt es ja zunächst schwer, beide nebeneinanderzustellen.
Sie unterscheiden sich ja auch. Beim Marxismus gibt es eine Vielzahl von Erfahrungen, Praktiken, theoretische Diskussionen, die im weiten Sinn auf Marx Bezug nehmen - mit der Gefahr, dass es oftmals scholastisch zugeht. Im Fall des Feminismus gibt es keinen solchen vergleichbaren Gründungstext, in dem sich ein bestimmtes Stadium der Bewegung repräsentiert. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von Beiträgen, die in mehreren Wellen der Frauenbewegung erarbeitet wurden.

Wie würden Sie das Verhältnis von Feminismus und Marxismus beschreiben?
Es gibt einen Bezug, aber der ist eher einseitig. Ein Teil der Feministinnen kommt aus dem Marxismus und ist ihm verbunden. Doch trotz jahrzehntelanger Bemühungen können sich viele »Männer« nach wie vor völlig ignorant gegenüber feministischen Ansätzen verhalten. Das erzeugt Ärger und Verzweiflung.

Gibt es keine Brücke zwischen Marxismus und Feminismus, die in der Theorie selbst liegt? Zum Beispiel bei den Analysen der Hausarbeit?
Tatsächlich scheint der Arbeitsbegriff immer wieder das Vermittlungsmoment zu sein zwischen beiden Theorien. Allerdings stellt sich meines Erachtens die Frage, ob es allein ausreicht.

Warum?
Die Analysen der Reproduktionsarbeit reduzieren nicht nur den Marxismus auf die Frage der Arbeit und der Arbeitsverhältnisse, es werden meines Erachtens auch wichtige Aspekte des Geschlechterverhältnisses ausgeblendet. Also etwa die sexuelle Orientierungen und Praktiken, Körper und Gewalt, die symbolische Erzeugung von Geschlechtlichkeit - alles soziale Formen der Ausbeutung und Herrschaft, die nicht so leicht mit der Analyse ökonomischer Verhältnisse zusammenzuführen sind. Dies gab oft genug die Rechtfertigung dafür, Geschlecht auf einen Nebenwiderspruch zu reduzieren.

Also wird es womöglich keine Versöhnung zwischen Feminismus und Marxismus geben?
Es geht ja nicht nur um die Versöhnung von zwei Theorien, sondern um den inneren Zusammenhang und die Versöhnung von zwei Formen der Emanzipation. Wenn die hierarchischen Geschlechterverhältnisse transhistorisch sind, also nicht zwangsläufig mit der Überwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft auch verschwinden würden, bräuchte der Feminismus den Marxismus nicht für das eigene Emanzipationsprojekt. Genauso wenig wie ein eng gefasster Marxismus den Feminismus benötigte, wenn alle Fragen lediglich solche des ökonomischen Klassenverhältnissen wären. Aber so ist es nun einmal nicht. Die feministische Ökonomin Heidi Hartmann hat das Verhältnis von Marxismus und Feminismus einmal so charakterisiert: Verheiratet, aber nicht glücklich. Hier sollten wir gemeinsam und einschließlich queerer Ansätze ganz neue Lebens- und Beziehungsformen entwickeln.

Alex Demirovic

... ist, darauf hat der britische Marxist Bob Jessop einmal hingewiesen, in der Darmstädter Karl-Marx-Straße aufgewachsen. Es ist dies ein kleines, aber symbolisch durchaus wichtiges biografisches Detail. Denn der Namensgeber der Straße ließ Demirović nicht mehr los: Studium in Frankfurt am Main, Marburg und Paris, Promotion über marxistische Ästhetik, Arbeit am Institut für Sozialforschung, Habilitation mit einer Untersuchung der Bedeutung der Kritischen Theorie. 2002 verhinderte die Frankfurter Universitätsleitung seine Berufung auf eine Soziologieprofessur - die politisch motivierte Blockade rief damals weithin Empörung hervor.

Demirović sitzt unter anderem im Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung und ist Mitglied der Redaktion der Zeitschrift »Prokla«. Er gehörte auch dem Vorbereitungskreis der Tagung »Zur Lage des Marxismus« an, die Ende 2013 von der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung in Berlin organisiert wurde. Die Assoziation hatte sich 2004 als offener Zusammenschluss von Wissenschaftlern aus dem deutschsprachigen Raum gegründet, um die Diskussion gesellschaftskritischer Theorieansätze »in Zeiten ihrer zunehmenden Marginalisierung an den Hochschulen« voranzubringen.

Demnächst erscheint von Alex Demirović »Wissenschaft oder Dummheit? Über die Zerstörung der Rationalität in den Bildungsinstitutionen« im VSA-Verlag Hamburg.

 




Weiterführende Links:
Leipziger Bündnis gegen G8
Neues Deutschland - Die sozialistische Tageszeitung





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