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Themen / [G8]

02.06.2007

Polizeipsychologe: "(...) in Rostock ist alles lehrbuchsgerecht so gemacht wurden wie es nicht sein soll" Polizei eskalierte G8 Protest - Teile der Autonomen spielte mit

Was bestellt war, wurde geliefert - Vermummte auf beiden Seiten störten eine friedliche Demonstration der Vernunft

Von René Heilig für Neues Deutschland

»Eine andere Welt ist möglich«, hofften am Sonnabend Zehntausende Globalisierungskritiker bei ihrer Anti-G8-Demonstration in Rostock. Die war kraftvoll, endete aber nicht friedlich.

  • Zeugenaussagen auf youtube zur Eskalation der G8 Demo am 2.6.2007 durch die Polizei - Teil 1 - Teil 2

So fröhlich wie friedlich hatte der Tag in Rostock begonnen. Am Hauptbahnhof und in der Hamburger Straße sammelten sich die Teilnehmer der Demonstration. Nur millimeterweise konnten sich die Angereisten auf den Platz hinter der Station schieben. Auf der Bühne gab es Rap und Reden und die Auskunft, dass es für Nazis keinen Platz gebe. Peace-Fahnen flatterten im Ostseewind, Transparente wurden hochgehalten oder am eigenen Körper zur Ansicht gebracht. »Rettet den Wald, rodet den Bush« hatten einige auf ihre T-Shirts gemalt, andere wollten das »Zentralkomitee der Welt« zum Teufel schicken.

Bereits dort war klar, dass sich Menschen treffen, deren unterschiedliche politische Ausrichtungen bislang ein Zusammengehen nicht gerade leicht gemacht hatten. Doch Protest gegen Krieg und Sorge um den Erhalt des Klimas einigt über traditionelle Grenzen hinweg. Friedensaktivisten standen neben Grünen, die Linkspartei hatte Berührung zu Attac, Feministinnen und Autonome tauschten sich vor dem Infopoint über Quartiermöglichkeiten in den kommenden Protesttagen aus – ganz so wie es sich auf einem »Platz der Freundschaft« gehört. Auf der Bühne sprach ein Gewerkschafter aus Italien, eine Landlose aus Brasilien, ein Linker aus dem Europaparlament. Gelobt werden muss bis dahin auch die Polizei – ausgenommen die vom Bund ausgeschickte. Schäubles Truppen »postierten« bisweilen sogar zwei Hubschrauber direkt über der Kundgebung, deren Rotorgeräusch nicht gerade das Verständnis förderte. Und auch als sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, war es die Bundespolizei, die auf Eskalation setzte. Beamte räumten mit Gewalt Bildreporter von einer Brücke.

Am Rande des Zuges sorgten derweil Scharen von Clowns für Spaß. Auch bei den Ordnungshütern. Doch dann, kaum dass der Stadthafen in Sicht kam, auf dem die Abschlusskundgebung sowie ein Musikprogramm geplant waren, wurde die Losung »Schluss mit lustig« ausgegeben. An einem Polizeiauto, das auf dem Kundgebungsplatz stand, wurde das Verhältnis von Steinen zu Glasscheiben ausprobiert. Das Signal war gegeben und die Demo-Leitung räumte am Sonntagmorgen bedauernd ein, dass sie nicht jederzeit Herr der Lange gewesen sei. Jeder Verletzte sei einer zu viel, zumal solche Bilder nicht das Klima kommender Manifestationen gegen das G8-Treffen bestimmen dürften. Das hängt aber auch davon ab, ob die Polizeiführung ihre Hardliner zurückpfeifen kann. Immer wieder stürmten am Sonntag uniformierte Trupps in die Kundgebung. Unterschiedslos wurde zugeschlagen und das verabredete Konzept der Deeskalation aufgekündigt.

Unter solchen Umständen hatten Argumente, die auszutauschen die überwiegende Mehrheit gekommen war, nur wenig Chancen, Gehör zu finden. Inmitten der friedlichen G8-Gegner waren Mitglieder der Linksfraktion aus Schwerin, später kam ein Dutzend Linke aus dem Bundestag sowie dem Parteivorstand hinzu. Was sie unter einer anderen Welt verstehen und wie diese möglich werden kann, wenn man selbst ernannte Größen der Welt nicht gewähren lässt, versuchten Roland Hipp von Greenpeace, Werner Rätz von Attac, Katja Kipping von der Linkspartei, Walden Bello, Soziologieprofessor an der Uni Manila und andere am Mikrofon zu erklären.

Am Rande der Demonstration entwickelten sich derweil erneut Scharmützel. Was planlos aussah, hatte System. Das zumindest schwören zwei Damen aus Essen, die am Abend vor der Demonstration im »Alten Fritz« gespeist hatten, wo auch mehrere Polizeiführer den kommenden Tag planten. Unter ihnen war eine Hand voll junger Zivilisten und genau die wollen die Damen als jene wiedererkannt haben, die den sprichwörtlichen ersten Stein warfen. Berliner Demonstranten trafen »alte«, doch nicht liebe Bekannte wieder. Die 21. Einsatzhundertschaft tat sich so sehr hervor, dass andere Polizeiführer entsetzt intervenierten.

Während ein paar Dutzend Autonome – Angaben der mit 13 000 Beamten angerückten Polizei über Tausende Randaleprofis stammen aus dem Reich der Fantasie – das Pflaster aufrissen, wurde Reizgas eingesetzt. Plötzlich ging ein alter Opel in Flammen auf, der auf den seit Tagen schon gesperrten Parkflächen »übrig geblieben« schien. Ein Wasserwerfer fuhr auf. Doch nicht etwa um das am rechten Platzrand qualmende Fahrzeug zu löschen oder die Steinewerfer zu vertreiben, damit die Feuerwehr ihren Job erledigen konnte. Nein, das Polizeifahrzeug drehte nach links und nahm friedliche Kundgebungsteilnehmer unter Beschuss.

Der Rest entwickelte sich im Selbstlauf. Die Demonstranten, die sich mit erhobenen Händen den anrückenden Wasserwerfern und Panzerfahrzeugen entgegenstellten, wurden abgedrängt. Der Polizeikessel war dicht.

Noch am Abend, als die bestellten Bilder über die TV-Schirme liefen, verurteilte Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) scharf »die gewalttätigen Ausschreitungen bei der Anti-G8-Demonstration« und Rostocks OB Roland Methling betonte, es sei wichtig, dass alle jetzt darauf vertrauen, »dass Polizei die Lage in den Griff bekommt«. Man ahnt und fürchtet, was die kommenden Tage bringen.




Weiterführende Links:
www.nd-online.de
Setzte die Polizei in Rostock Provokateure ein?





Linke Büros
www.linke-bueros.de/lag-buergerrechte-und-demokratie-positionen-in-der-linkspartei-staerken_4024,573.html