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24.12.2015

"Ich bin ein bißchen schamlos"


Interview: Rebecca Maskos

Christian Bayerlein bezeichnet sich als »Sex-Nerd« und schreibt auf seinem Blog kissability.de über Sex. Im Zeitalter des Web 2.0 eigentlich nicht weiter ungewöhnlich, wären da nicht Rollstuhl, krummer Körper und hochgradiger Assistenzbedarf.

 
Behinderte Menschen sind asexuelle Neu­tren – das ist das gesellschaftliche Bild, mit dem Bayerlein bricht. Offenbar war das zu viel der Inklusion für die Koblenzer CDU, die vergangene Woche seine Wiederwahl als städtischer Behindertenbeauftragter im Stadtrat verhinderte. Fünf Jahre lang hatte er diesen ehrenamtlichen Posten inne und bislang keinen Gegenkandidaten. Auf Wunsch der CDU wurde die Wahl jedoch vertagt und das Auswahlverfahren wird nun neu aufgerollt. Bislang haben weder die Stadt Koblenz noch die Koblenzer CDU-Fraktion zu den Vorgängen Stellung genommen.

Ist das denn sicher, dass die CDU Sie wegen Ihrer Veröffentlichungen zum Thema Sex absetzen will?

Offiziell hab ich immer noch keine Begründung gehört, und mit mir und meinem Stellvertreter wurde nie selbst gesprochen. Ich weiß alles nur über einen inoffiziellen Kanal von anderen Ausschussmitgliedern. Denen wurde gesagt, meine Facebook-Posts seien zu sexlastig. Gemeint sein könnte zum Beispiel das Interview, das die Taz mit mir gemacht hat und das ich auf Facebook gepostet habe. Vielleicht hängt es auch mit meinem Blog zusammen, oder mit einem Aktbild, das ein lokaler Künstler von mir gemalt hat und das bei einer Ausstellung zum Thema Inklusion zu sehen war. Das habe ich aber alles eher als Privatperson gemacht und nicht in meiner Rolle als Behindertenbeauftragter.

Was geht denn daran nicht klar, dass Sie als behinderter Mann offen mit Ihrer Sexualität umgehen?

Die Gesellschaft schiebt das Thema sonst eher weg. Es ist nicht im Bewusstsein, dass behinderte Menschen eben auch sexuelle Wesen sein können. So werden sie immer in die »Freundeschublade« geschoben. Sex und Behinderung, das ist erstmal etwas Unvorstellbares für viele. Früher hatte man ja dieses Fürsorgemodell. Da musste man froh sein, dass man als behinderter Mensch satt und sauber war. Heute aber geht es um Teilhabe, und dazu gehörten auch Partnerschaft und Sexualität. Das passt eben nicht zum Paternalismus, der in vielen Köpfen immer noch präsent ist. Außerdem stellen wir Schönheitsideale und Attraktivitätsvorstellungen in Frage, wenn wir uns als sexuelle Wesen zeigen. Wir sind eben oft nicht 1,80 und breitschultrig.

Man hat das Gefühl, das hat fast etwas Beunruhigendes für Nichtbehinderte, auch in Zeiten von Inklusionsbeschwörungen. Interessant sind ja solche kleinen Inklusionstestfragen wie: »Fänden Sie es okay, einen behinderten Menschen als Nachbarn oder Arbeitskollegen zu haben?« Das nicken noch viele ab. Bei Fragen wie »Würden Sie mit einem behinderten Menschen schlafen?« sieht das schon ganz anders aus.

Das Thema ist einfach noch sehr neu. Viele machen ja eh einen Eiertanz daraus und wissen nicht, wie sie mit uns umgehen sollen. Beim Thema Sexualität wird das Ganze auf die Spitze getrieben. Inklusion ist erst dann erfolgreich, wenn auch dieses Thema normalisiert worden ist. Sexualität, Nähe und Intimität, das ist doch die Essenz des menschlichen Lebens. Genau dieser Bereich darf nicht herausgenommen werden aus Teilhabe und Inklusion, weil sonst immer eine Parallelebene bestehen bleibt. Doch da bestehen noch ganz grundlegende Ängste. Zum Beispiel dass, wenn man sich mit jemandem mit Behinderung einlässt, man auch im eigenen Leben viele Nachteile haben und Diskriminierungen erleben wird. Es gibt auch viele Vorurteile gegenüber nichtbehinderten Partnern von behinderten Menschen: »Haben wohl nichts Besseres gefunden«, »Haben wohl ’nen Helferkomplex«, oder: »Warum tun die sich das an?« So was sind von vornherein Blockaden im Kopf, die das Verlieben verhindern.

Dennoch haben Sie viele Partnerschaften und Affären gehabt und leben auch jetzt in einer Beziehung. Auf Ihrem Blog vertreten Sie die These: Sex mit behinderten Menschen ist der bessere Sex. Warum?

Das ist natürlich auch ein bisschen plakativ. Aber ich denke schon, dass Sex mit behinderten Menschen zum Beispiel klassische Rollenmodelle auflöst. Wer ist aktiv, wer ist passiv – diese Rollenverteilung läuft mit Behinderung oft anders als ohne. Da muss man kreativ sein und vor allem miteinander reden. Darüber, was einem gefällt, darüber, was man nicht mag. Das kann auch einen liebevolleren und offeneren Umgang miteinander bringen. Die, die mit mir zusammen waren, sahen das jedenfalls als Vorteil.

Sie haben in einem Interview erzählt, dass Sie offen sind für vieles, zum Beispiel BDSM, dass Sie auch polyamoröse Liebesverhältnisse eingehen, und dass Sie kein Problem damit haben, wenn jemand Sie mit Ihrer Behinderung als Fetisch betrachtet. Wie fühlt sich das an, ein Fetisch zu sein?

Manche Menschen haben ein besonderes Interesse daran, jemanden zu pflegen oder zu füttern. Die finden das erotisch. Da geht es eher um die Nähe, die von manchen Menschen auch als etwas Sexuelles erlebt wird. Für mich war es ein Aha-Erlebnis, eine Erlösung, zu erfahren, dass es solche Menschen gibt. Zu hören, es gibt Leute, die jemanden wie mich gerade auch körperlich attraktiv finden, nicht nur mich als Menschen, das war wie eine Befreiung. Ich habe mich da auch nie als reines Objekt gefühlt – sonst wäre ich nicht mit ihnen ins Bett gegangen.

Sie haben auch erzählt, dass Sie mal Sexualbegleitung in Anspruch genommen haben, also bezahlte sexuelle Dienstleistungen für behinderte Menschen. Ist das für Sie inzwischen nur eine Notlösung oder würden Sie das wieder nutzen?

Es gab ja verschiedene Phasen in meinem Leben – ich hatte nicht immer ein erfülltes Leben. Es gab Zeiten, in denen ich einsam war, auch körperlich, und in denen es für mich gut war zu erleben, wie es ist, berührt zu werden. Manche Menschen können diese Erfahrungen gar nicht machen. Für die ist das besonders wichtig.

Wie haben Sie es geschafft, aus der »Freunde-Schublade« herauszukommen? Oft erleben jüngere Leute mit Körperbehinderungen in Puncto Sex ja nicht besonders viel »Empowerment« und stattdessen viel Scham über den Körper, der anders aussieht.

Bei mir hatte das auch viel mit Zufällen und Glück zu tun, und damit, dass meine erste Partnerin, die ich im Internet kennenlernte, auf mich zugegangen ist. Junge Leute mit Behinderung müssen sehr offen sein, unter Leute gehen und versuchen, ihren Selbstwert zu sehen. Und ich glaube, das Schreiben über das Thema bringt viel. Ich sehe mich da auch ein bisschen als Rollenmodell und bekomme auch viel positive Rückmeldungen von anderen behinderten Menschen. Ich bin beim Thema Sex tatsächlich ein bisschen schamlos. Das hat auch damit zu tun, dass ich im Heim aufgewachsen bin. Da gab es eben keine Privatsphäre. Da wurde mir, glaube ich, das Schamgefühl auch ausgetrieben. Ich drehe das jetzt um und nutze das für mich.




Weiterführende Links:
Jungle World - Die linke Wochenzeitung





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