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11.08.2008

Konflikt im Kaukasus: Olympische Grüße aus Absurdistan


Von Boris Krumnow - Ein Kommentar für das Mittelosteuropaportal lavka.info

Der Kaukasus ist längst ein Teil von Europa: dass ist so manchem Medienvertreter in der etwas randständig gelegnen europäischen Provinz Deutschland nicht Recht klar, betrachtet man den verhältnismäßig unscharfe und wenig kompetente Wahrnehmung des Konfliktes in den deutschen Medien.

Vielmehr scheint der Kaukasus weit weit weg, wiewohl man immerhin weiß, dass „unser“ Öl dort fließt. Jedenfalls kennt praktisch niemand die komplexe Situation, die sich den letzten Jahrzehnten in der Region entwickelt hat.

MDR-Korrespondenten bezeichnen die Bewohner Süd-Ossetiens schon mal als „Russen“ und meinen damit wohl, dass viele von ihnen auch die Staatsbürgerschaft Russlands besitzen. Bei der Aussprache des Hauptstadt der international nicht anerkannten, aber seit gut anderthalb Jahrzehnten unabhängigen Republik Süd-Ossetien „Tschinwal(i)“ hat bisher wohl kaum ein deutscher Medienvertreter den harten, tief im Hals zu bildenden kaukasische CH-Laut getroffen. Aber mögen dies kleine Schönheitsfehler sein, so ergießt sich der Schwall der politischen Meinungsbildung doch in den üblichen, längst ausgetretenen Pfaden.

Dabei scheinen die beiden in einer solchen Situation üblichen Stereotype durch. Zum einen sind „die Russen“ wie seit nunmehr über 60 Jahren an allem schuld („Russen marschieren in Georgien ein“). Zum anderen sind die deutschen Großmedien schnell dabei, den Kriegsparteien (wenn sie nett sind wenigstens beiden) die Moral über den Umgang mit der Zivilbevölkerung zu lesen.

Wie „einfühlsam“, angesichts dessen, dass georgische, russische, ossetische und abchasische Zivilisten und Soldaten ihr Leben in einem Kampf geben, des sich auch um „unsere“ Energieversorgung dreht. Wie fadenscheinig angesichts allgemein akzeptiertem amerikanischen Interventionismus und angesichts dessen, dass „unsere Jungs“ Deutschland im doch etwas ferneren Afghanistan verteidigen. Wie glaubwürdig kann der Vorwurf sein, dass Russland versucht, in seinen Hinterhof aufzuräumen, angesichts der Präsenz amerikanischer Militärs in Georgien, die ganz selbstverständlich ihre Interessensphäre in der Region abstecken.

Geht es vielleicht um den Kampf von Demokratie und Diktatur? Na klar - denn Saakaschwili (der ehemalige Justizminister unter Schewarnadze) ist wohl ein ebenso lupenreiner Demokrat wie Putin, der Opposition schon mal auseinander knüppeln und kritische Fernsehsender schließen lässt. Geht es um Völkerrecht? Aber sicher - angesichts der von den Europäern betriebene Loslösung Kosovos von Serbien, welches regelrecht eine Aufforderung an die Hardliner in Abchasien und Süd-Ossetien zu verstehen war, ihre politischen Ziele und Interessen mit Nachhaltigkeit durchzusetzen.

Es liegt auf der Hand, dass es um anderes geht, um sich ganz andere Interessenkonflikte. Es geht um die Kontrolle um globale Energieversorgung, es geht aber auch nicht zuletzt um nationalen Wahn kleiner und großer Politiker. Tatsache ist, dass die Umstrukturierung des postsowjetischen Raum noch lange nicht abgeschlossen ist und das Russland erstmals nach dem Untergang der UdSSR massiv Truppen im Ausland eingesetzt hat.

Wer diesen Krieg gewonnen hat, wird sich in den nächsten Tagen oder vielleicht auch erst nach den zu erwartenden Verhandlungsprozessen in einigen Monaten zeigen. Im Kreis der Sieger könnten gleichzeitig sowohl der georgische Präsident Saakaschwili als auch der russische Präsidenten Medwediew sein. Ja und vielleicht können ja nach einer möglichen Stabilisierung auch wir kleinen Mitteleuropäer bald Billigbadeurlaub in der vor ihrer Zerstörung wunderschönen abchasischen Hauptstadt Suchumi machen... Die Verlierer stehen dagegen schon jetzt fest: Es sind die obdachlosen nach Russland geflohenen Bewohner Tschinwal(i)s, die in der georgischen Bergen umherirrenden Flüchtlinge aus Gori, alljene die Familienangehörige in diesem Krieg verloren haben.

Ein ganz normaler Krieg im olympischen Frieden. Willkommen in Absurdistan!



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