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24.04.2009

Es wird eng


Von Christoph Villinger, Neues Deutschland vom 24.4.2009

Erst verdrängten Ketten kleine Buchläden, jetzt bedroht das Internet einstige Nischenangebote. Ein Blick auf linke Buchläden in Berlin, die mehr sind als Warenumschlagplätze


Quelle: sxc.hu/ saavem
Quelle: sxc.hu/ saavem

»Seit Jahren war die ökonomische Lage miserabel, jetzt ist sie dramatisch!« Mit diesen Worten eröffnete vor wenigen Wochen der Buchladen »Schwarze Risse« einen Notruf per Rundmail an seine Freunde und Freundinnen. »Wenn ihr ein Buch kauft, kauft es beim Buchladen im Kollektivbetrieb und nicht beim Kaufhaus im Konzernbesitz«, schreiben die fünf Mitarbeiter. Und statt bei einem Anbieter im Internet könne man genauso bei ihnen ein Buch per Mail bestellen und am nächsten Tag abholen. Seit Anfang der 80er Jahre ist der Buchladen im Mehringhof, im Souterrain des zweiten Hinterhofs gelegen, einer der zentralen Anlaufpunkte für die undogmatische und radikale Berliner Linke. Ende der 90er Jahre kam zu dem Kreuzberger Laden noch ein zweites Standbein in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg hinzu. »Zum einem fressen uns die stetig steigenden Kosten, zum Beispiel die Transportgebühren und die Beiträge zum EC-Terminal, bei sogar abnehmendem Umsatz auf«, beschreibt Frieder Rörtgen, Geschäftsführer der beiden Läden, die Situation. Dazu komme die verschärfte Konkurrenz. »Allein die Eröffnung eines eher normalen Buchladens drei Häuser weiter kostete uns in der Kastanienallee zwischen 20 und 30 Prozent des Umsatzes.«

Doch auch bei dem »Kleinen Buchladen« im Karl-Liebknecht-Haus, der eher im traditionellen Milieu der Linken Kunden sucht, sieht die Lage kaum besser aus. »Im Vergleich zum Jahr 2000 haben wir einen Umsatzrückgang um rund ein Drittel«, sagt Birgit Hoffmann, Geschäftsführerin des am Rosa-Luxemburg-Platz gelegenen Ladens. Früher seien die Veranstaltungen der PDS sowie die »Einheizfeste« »Umsatzoasen« gewesen, so die 57-Jährige.

Dabei sind die Umsätze im Buchhandel nicht generell rückläufig. »Insgesamt steigen sie sogar jährlich im Schnitt um zwei Prozent«, sagt Detlef Bluhm, Geschäftsführer des Berliner Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ein Zusammenschluss von 267 Buchhandlungen und 157 Buchverlagen aus der Region Berlin-Brandenburg. »Aber die Umsätze verschieben sich zu den Internet-Buchhändlern und den großen Ketten«, so Bluhm. Amazon & Co schnitten sich Jahr für Jahr ein immer größeres Stück vom Kuchen ab und seien nun bei einem Marktanteil zwischen zehn bis fünfzehn Prozent. Dagegen ist für Bluhm die Verdrängung von kleinen Läden durch große Ketten seit einigen Jahren gestoppt. »Auch Hugendubel musste seine Filiale in der Friedrichstraße aufgeben.«

Mehr als ein Laden: Linker Treffpunkt

Ähnlich ist auch die Beobachtung von Frieder Rörtgen von »Schwarze Risse«. So suchten und stöberten immer mehr Leute im Netz nach Büchern, statt in einem Laden vorbeizuschauen, klagt der 54-jährige Geschäftsführer. Bei Perlentaucher.de gebe es Buchbesprechungen »rauf und runter«. Da sei es dann nur noch ein Klick mehr, auch im Netz zu bestellen. Doch dies ist ein Problem des Buchhandels generell. Speziell für die alternativen Läden kommt hinzu, dass auch politische Diskussionen und die entsprechenden Papiere immer mehr im Netz zu finden sind. Vor allem deshalb gingen die Käufer und damit Auflagen vieler Diskussionszeitschriften zurück, erklärt Rörtgen. Außerdem habe sein Klientel »einfach weniger Geld«.

Aus seiner Sicht bietet ein linker Buchladen mehr als nur Bücher. Er ist eine Infrastruktur. »Wir haben zum Beispiel allein rund 150 Busfahrkarten zur Demonstration gegen die NATO in Straßburg verkauft.« Und mindestens einmal im Monat organisiert das Buchladen-Kollektiv eine Lesung oder politische Veranstaltung. Rörtgen wünschte sich, dass dies und die Struktur, dass es eben keine Chefs gibt, mehr gewürdigt wird. »Ich würde heute in der ganzen BRD vielleicht noch ein Dutzend Läden als linke Buchläden bezeichnen«, sagt der Buchhändler. Er meint damit die Läden, die professionell, wenn auch unter »prekären bis oberprekären Bedingungen«, betrieben werden. Das Netz der rund 100 meist ehrenamtlich geführten Infoläden, die nur wenige Bücher anbieten, zählt Rörtgen deshalb nicht mit. Und die Hochphase des früher einmal großen Verbands linker Buchläden (VLB) ist seit über 25 Jahren vorbei.

Besonders diese Mischung aus politischem Buchladen und Treffpunkt macht den Charme von »Schwarze Risse« aus. So stolpert man in der Kastanienallee fast über die vor den Regalen ausgebreiteten Zeitschriften der anarchistischen »Graswurzelrevolution«, über das Autonomenblatt »Interim« und das Berliner Musik-Fanzine »Warschauer« bis hin zum auch in jedem Kiosk verkauften »Freitag«. Der Buchladen im Mehringhof beheimatet wohl unbestritten das größte Sortiment an linker Literatur in Berlin. Das reicht von der Forschungsliteratur über den Nationalsozialismus bis hin zu über 50 Titeln zur aktuellen Finanzkrise, im Angebot sind aber auch viele Texte der Frauenbewegung, zum Thema Globalisierung, zur sogenannten Dritten Welt sowie ihrer Literatur. »Wir verkaufen vielleicht einmal im Jahr Hape Kerkeling«, sagt Rörtgen mit Stolz. Dafür sind seit Jahren die »Einführung in die politische Ökonomie« von Michael Heinrich und das im eigenen Verlag herausgebrachte Buch »Autonome in Bewegung« der Renner.

Dagegen sind im »Kleinen Buchladen« die »Gefängnis-Notizen« von Egon Krenz mit rund 200 verkauften Exemplaren der aktuelle Bestseller. »Bei Autoren wie Daniela Dahn und Sahra Wagenknecht sind wir die Buchhandlung mit den höchsten Verkaufszahlen in ganz Deutschland«, sagt Birgit Hoffmann ebenfalls stolz. Gut verkaufen sich auch alle Titel, die sich mit der DDR und ihrer Wirtschaft auseinandersetzen, sogar ein Buch zum »geheimen Militärapparat der KPD« in den 20er Jahren geht mühelos rund zwei Dutzend mal über den Ladentisch. Schwieriger ist es da schon mit dem Fischer-Taschenbuch »Der Rote Terror« zur Geschichte des Stalinismus von Jörg Baberowski, das sich gerade zwei-, bis dreimal verkauft hat.

Marxistische Blätter und Weihnachtsstollen

Auch hier liegen allerlei Zeitschriften aus, von den »Marxistischen Blättern« und anderen Zeitschriften aus dem Umfeld der Kommunistischen Plattform bis hin zum »Prager Frühling« des eher undogmatischen Flügels der Linkspartei und sogar die aus dem autonomen Milieu stammende »Arranca« von Fels. »Doch unser wahres Weihnachtsgeschäft«, sagt Hoffmann, »sind inzwischen Dresdener Stollen und Meißner Weine.« Zum Überleben mussten sie weitere Produkte ins Angebot nehmen.

So verschieden die Kundschaft – Hoffmann und Rörtgen formulieren fast wortgleich die Bedingungen, von denen ihre Läden abhängig sind: nämlich die Lebendigkeit des sie tragenden Milieus. Bei Birgit Hoffmann heißt dies dann, »wenn es der Partei gut geht und viel diskutiert wird, geht es uns auch gut«. Und Frieder Rörtgen hofft, dass die diffuse Wut auf den Kapitalismus wieder dazu führt, sich mit linken Positionen auseinanderzusetzen und »dies die Menschen zum Stöbern in alte linke Buchläden führt«.




Weiterführende Links:
Neues Deutschland - Sozialistische Tageszeitung
Schwarze Risse
Kleiner Buchladen





Linke Büros
www.linke-bueros.de/lag-buergerrechte-und-demokratie-positionen-in-der-linkspartei-staerken_4024,573.html