18.06.2010So einfach ist es nicht!Juni 2010 Die Wellen schlagen wieder einmal hoch. Und das nicht zu Unrecht. In Folge des Stopps der so genannten „Free Gaza-Flotille“ im Mittelmeer sowie der Todesopfer und Verwundeten auf einem der Schiffe tauchen in den Debatten verschiedene Deutungen und Einschätzungen auf. Stellungnahme von Mitgliedern und SymphatisantInnen der LINKEN und Linksjugend in Leipzig
Die Wellen schlagen wieder einmal hoch. Und das nicht zu Unrecht. In
Folge des Stopps der so genannten „Free Gaza-Flotille“ im Mittelmeer
sowie der Todesopfer und Verwundeten auf einem der Schiffe tauchen in
den Debatten verschiedene Deutungen und Einschätzungen auf. Dabei
überwiegt insbesondere in der politischen Linken eine vernichtende
Kritik an Israel, die von den Ereignissen im Mittelmeer abstrahiert und
den jüdischen Staat in seinen Grundfesten angreift. I. 1. Die Geschehnisse im Mittelmeer Am 31.5.10 versuchten mehrere Personen mit 6 Schiffen von der Insel Zypern aus verschiedene Waren in den Gaza-Streifen zu bringen. In internationalen Gewässern stoppten Einheiten der israelischen Armee die 6 Schiffe indem sie diese – nach Aufforderungen im Vorfeld und vor Ort nicht den Gazastreifen anzusteuern – übernahmen. Dabei seilten sich israelische Soldaten zum einen von Helikoptern ab, andererseits betraten sie die Schiffe von anderen Booten aus. Auf einem der Schiffe, der Mavi Marmara, starben durch die folgenden Kampfhandlungen 9 Personen der Schiffsbesatzung, ca. 23 weitere Personen der Schiffsbesetzung sowie 7 israelische Soldaten wurden verletzt. Wir zeigen uns angesichts der Toten und Verletzten erschüttert, sehen uns jedoch nicht in der Lage den Ablauf der Geschehnisse en Detail nachzuvollziehen. Über den genauen Ablauf der Auseinandersetzungen auf der Mavi Marmara gibt es verschiedene und auch widersprüchliche Meldungen. Die Schuld für die Eskalation wurde allerdings sehr schnell ausschließlich bei den eingesetzten Soldaten, die das Schiff kaperten, festgemacht. Fakt ist jedoch auch, dass die israelischen Soldaten von einem Teil der sich auf dem Deck der Mavi Marmara befindlichen Personen mit Stangen und Holzlatten attackiert wurden und auch ein Soldat von der aufgebrachten Besatzung des Schiffes über Deck geworfen wurde. Laut einigen Medienberichten sollen einige Personen zudem Soldaten die Schusswaffen entwendet haben, infolge dessen zwei Soldaten auch Schussverletzungen davontrugen. Ohne dass wir den Vorfall zeitlich und in seinen genauen Abläufen exakt wiedergeben können, wollen wir jedoch festhalten, dass eine einseitige Eskalationsschuld bei diesem widersprüchlichen Stand der Informationen nicht der israelischen Armee zugeschrieben werden kann. Dass nicht wenige dennoch bereits jetzt meinen die Lage eindeutig und abschließend beurteilen zu können, stimmt uns nachdenklich.
I 2. Die Motivation der Free Gaza-Flotille Norman Paech selbst bestätigte in einem Interview mit der ARD am 02.Juni 2010, dass das Hauptaugenmerk auf der Durchbrechung der Blockade lag. Greta Berlin, eine Mitbegründerin des federführend organisatorisch beteiligten „Free Gaza Movement“ sagte „Bei dieser Mission geht es nicht darum, humanitäre Güter zu liefern, es geht darum, Israels Blockade zu brechen“. (Zitiert nach Jungle World vom 10.6.2010) Nicht zuletzt machte sich die Organisation der Flotille unglaubwürdig, indem sie die Bitte der Familie des von der Hamas entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit abschlug, sich dafür einzusetzen, dass dieser ein Paket mit Lebensmitteln und Briefen empfangen dürfe. Schalit wird seit 2006 von der Hamas festgehalten und darf nicht einmal Besuch von Hilfsorganisationen empfangen.
I 3. Die argumentative Geheimwaffe “Völkerrecht”
Diejenigen Hilfsleistungen indes, die den Gazastreifen erreichen,
werden von der Hamas an sich gerissen und an ihnen wohl gesonnene
BewohnerInnen verteilt. Anhänger der verjagten Fatah oder anderer
palästinensischen Oppositionsgruppen in Gaza werden von der Hamas brutal
verfolgt, gefoltert und auch ermordet. Die fehlende Distanzierung von AntisemitInnen zeigte sich nicht zuletzt in Köln, wo linksjugend [’solid] Fahnen auf einer antiisraelischen Demonstration in trauter Zweisamkeit neben Hamasfahnen geschwenkt wurden.
Auch in Leipzig gab es eine Demonstration zu dem Vorfall. Am 02. Juni
2010 demonstrierten SAV, DIE LINKE.SDS Leipzig und die Gesellschaft für
Völkerverständigung gemeinsam mit anderen Einzelpersonen gegen Israel.
Nachdem sich ca. 30 Personen mit Israelfahnen neben der Demonstration
versammelt hatten, wurden diese von Teilen der
DemonstrationsteilnehmerInnen mit Holzlatten bzw. Fahnenstangen und
Gürteln angegriffen. Zwar forderten die OrganisatorInnen der
Demonstration auf, diese Handlungen gegen die GegendemonstrantInnen
einzustellen – aber dabei blieb es dann auch. Die offensichtlich
überforderte Polizei drängte letztlich die GegendemonstrantInnen ab und
weigerte sich Anzeigen gegen die Angreifenden aus der Demonstration
aufzunehmen. Damit nicht genug, hielten sowohl DIE LINKE.SDS Leipzig,
die SAV Leipzig und die GfVV Leipzig als auch Volker Külow, Vorsitzender
der Partei der Linken in Leipzig, es nicht für nötig sich ganz klar und
in aller Schärfe von den gewalttätigen Übergriffen zu distanzieren. Der prominente Antisemitismusforscher Wolfgang Benz machte den israelbezogenen Antisemitismus längst als abgeleitete Form des Antisemitismus aus: „In der öffentlichen Wahrnehmung Europas haben sich in dramatischer Weise die Gewichte in der Bewertung des Nahostkonfliktes verschoben. Die Ursachen der Gewaltspirale werden nicht mehr in das negative Urteil über Israel einbezogen.” Antisemitismus äußert sich auch in den aktuellen Protestaktionen gegen das Vorgehen Israels gegen die “Free Gaza”-Flotille wenn z.B. Israels des Kindesmords beschuldigt und damit Anleihen auf uralte antisemitische Verleumdungen wie die, Juden opferten an ihren Festen Christenkinder, genommen wird (so auch zu lesen auf der Protestdemo von SAV, LINKE.SDS und Gesellschaft für Völkerverständigung am 2.6.2010). Auch wir denken, dass die Gaza-Blockade perspektivisch aufgehoben werden sollte. Dies funktioniert allerdings nur nach der Aufhebung der Gründe dieser Blockade, also nach dem Bruch der Herrschaft der Hamas und dem Ende des antisemitischen Kampfes gegen die Juden. Dazu beizutragen fordern wir von den AußenpolitikerInnen unserer Partei genau wie eine klare Absage an jede Form von Antisemitismus von allen AkteurInnen der LINKEN. download Stellungnahme als pdf |