11.07.2010
Umwege ins Paradies? Fünf Thesen für eine Erneuerung der Arbeitszeit-Debatte Von Siggi Frieß & Peter Birke* in: express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 5-6/10
Die ArbeiterInnenbewegung ist in
der Krise. Die Gewerkschaften verlieren weiterhin Mitglieder, ihre
Durchsetzungsfähigkeit ist – wie auch die jüngsten Tarifabschlüsse in
der Metall- und Elektroindustrie sowie im Öffentlichen Dienst zeigen –
derzeit begrenzt
Ihre gesellschaftspolitische Rolle ist mindestens seit
dem Scheitern der Einflussnahme auf die rot-grüne Bundesregierung
zunehmend reduziert, ein »neuer Korporatismus«, wie er sich in der
aktuellen Tarifpolitik Ausdruck verschafft hat, verspricht nach unserer
Auffassung keineswegs eine nachhaltige Verbesserung der Position. Vor
diesem Hintergrund und angesichts der politisch-ökonomisch bedingten
Prekarisierung der Lebensverhältnisse ist der Zusammenhang zwischen der
alltäglichen Arbeits- und Lebenssituation der Beschäftigten und der
gewerkschaftlichen Politik sehr häufig nicht mehr gegeben. Wir plädieren
deshalb dafür, nach Wegen zu suchen, die die strategische
Handlungsfähigkeit der gesellschaftspolitischen Debatte
wiederherstellen. Wir halten eine kritische Erneuerung der Forderung
nach umfassenden Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich, oder,
um es von vornherein in seiner vollen Dimension auszudrücken: der
Forderung nach einer Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit, für
einen von mehreren möglichen Ansätzen, die zu einer solchen
Wiederherstellung beitragen können. Mit den folgenden Thesen möchten wir
zu einer Debatte über die Möglichkeiten einer solchen kritischen
Erneuerung beitragen.
1. Die Gewerkschaften haben bislang
nur begrenzt Ansätze gefunden, der wachsenden sozialen Zerklüftung der
Arbeitenden mit neuen Formen der kollektiven Organisierung effektiv zu
begegnen. Dabei handelt es sich um ein dringliches Anliegen: Solche
Formen zu entwerfen und in der alltäglichen Praxis der
gewerkschaftlichen Arbeit lebbar zu machen, ist Voraussetzung dafür,
dass die Gewerkschaften in den kommenden sozialen Konflikten eine Rolle
spielen.
Dass die ArbeiterInnenbewegung in der Krise ist,
hat nicht allein hausgemachte Gründe, sondern ist vorrangig ein
strukturelles, politisch-ökonomisches Problem. Einige Facetten davon
sind nicht nur in der Fachlite-ratur beschrieben worden, sondern auch in
der öffentlichen Debatte in der Bundesrepublik mittlerweile durchaus
präsent. So wurde etwa die Prekarisierung der Arbeits- und
Lebensverhältnisse in den vergangenen Jahren angesichts der damit
verbundenen enormen Polarisierung der Einkommen und Lebenschancen der
Lohnabhängigen allgemein wahrnehmbar. Es ist ein Prozess, der durch die
aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise weiter beschleunigt und zugespitzt
wird. Mittlerweile sind diejenigen Beschäftigten, die zu den
Kernbelegschaften gehören, auf dem besten Wege, zu einer
gesellschaftlichen Minderheit zu werden: Wenn man annimmt, dass
existenzsichernde Löhne, unbefristete Arbeitsverträge, geregelte und
selbstbestimmte Arbeitszeiten, gewerkschaftliche Organisierung und
Vertretung, soziale Rechte aus Tarifverträgen zu den Merkmalen gehören,
die bestimmen, was eine »Kernbelegschaft« ist, dann ist diese Gruppe
seit den 1990er Jahren in Deutschland stärker geschrumpft als in den
meisten anderen OECD-Ländern. Zu betonen ist, dass dies trotz der
sozialen Polarisierung innerhalb der Gruppe der Lohnabhängigen Folgen
für alle Menschen hat, die von Löhnen und Transferleistungen leben. Denn
auch diejenigen, deren Einkommensniveau nach wie vor das eigene
Überleben und das Überleben ihrer Angehörigen sichert, leiden oft
zunehmend unter Belastung, Druck, Angst und den dadurch hervorgebrachten
Krankheiten. Bemerkenswert ist weiter, dass die Schübe der
Prekarisierung heute nicht mehr klar aus einer bestimmten ökonomischen
Konjunktur abgeleitet werden können. Diese Tendenz setzt sich seit 1990
offensichtlich relativ unabhängig von Wachstums- und Rezessionsphasen
durch. Auch in der Phase einer relativen ökonomischen Stabilität – in
den Jahren vor 2008, also vor dem Einsetzen der Krise – kam es zu einer
Entsicherung und Entgarantierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse,
wie auch das Wachstum des Anteils der Erwerbstätigen ganz überwiegend
durch prekarisierte Arbeitsverhältnisse bewirkt wurde. Ökonomisches
Wachstum ist heute weder gleichbedeutend mit einer Reduzierung der
Erwerbslosigkeit noch mit einer Verbesserung der Arbeits- und
Lebensverhältnisse der abhängig Beschäftigten. Die Tatsache, dass selbst
eine Stabilisierung der konjunkturellen Entwicklung keineswegs zu einer
allgemeinen Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse führt,
zeigt, dass Prekarisierung die Folge einer Aufweichung und
Zurückdrängung sozialer Rechte ist. Mit anderen Worten: Es wurden
politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen – von der
Einführung von Hartz IV bis zur Zementierung von
400-Euro-Arbeitsverhältnissen, von der Ausdehnung der Leiharbeit bis zur
Aufweichung des Kündigungsschutzes durch befristete Arbeitsverhältnisse
–, die die aktuelle Situation mit hervorgebracht haben.
Was Prekarisierung bedeutet, lässt sich auch in
quantitativer Hinsicht grob umreißen: So ist etwa die Erwerbsquote in
der Bundesrepublik seit Beginn der 1990er Jahre auf über 70 Prozent
gestiegen, der Anteil der gesicherten Arbeitsverhältnisse jedoch
zugleich stark zurückgegangen. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung
der wirtschaftlichen Entwicklung geht davon aus, dass der Anteil der in
Vollzeit Beschäftigten seit 1991 in den neuen Bundesländern von 90 auf
unter 70 Prozent und insgesamt von über 80 auf etwa 65 Prozent gesunken
ist. 2007 arbeiteten noch 90 Prozent der Männer, aber lediglich rund 50
Prozent der Frauen in Vollzeit. Von diesen Beschäftigten hatten jedoch
lediglich rund 15 Prozent befristete Arbeitsverhältnisse. Die
LeiharbeiterInnen sind in dieser Statistik nicht mitgerechnet, ihre Zahl
stieg besonders in den 2000er Jahren massiv an. Über zehn Prozent der
Beschäftigten entpuppen sich in der Krise als Reserve-Arbeitskräfte:
LeiharbeiterInnen sind die größte und sichtbarste Gruppe, aber auch
(Schein-)Selbstständige, Werkvertragsnehmer, befristet Beschäftigte,
400-Euro-Kräfte usw. gehören dazu. Dass der Anteil der Menschen, deren
Arbeit die soziale Existenz nicht mehr sichert, ebenfalls steigt, hat
damit zu tun. Statistisch lässt sich dies zum Beispiel daran erkennen,
dass die Zahl der arbeitenden Armen unter den rund acht Millionen
Menschen, die Leistungen auf Grundlage des SGB II beziehen, mittlerweile
den Anteil der Langzeiterwerbslosen deutlich übersteigt. Insgesamt geht
der Sachverständigenrat von einer Verdopplung der »atypischen
Beschäftigung« seit Beginn der 1990er Jahre aus: Die Rede ist von einem
Anteil von aktuell über 35 Prozent. Damit verbunden ist eine
Polarisierung der Einkommen, die in der Bundesrepublik in der letzten
Dekade stärker gewachsen ist als in allen anderen OECD-Staaten.
Wenn wir über die Frage nach der Umverteilung der
gesellschaftlichen Arbeit sprechen, dann muss dem vorausgeschickt
werden, dass eine solche Umverteilung tagtäglich bereits stattfindet.
Denn selbstverständlich nimmt die Tatsache, dass in den letzten etwa
zehn Jahren ein Drittel der Stellen im Öffentlichen Dienst verschwunden
ist, im Alltag vieler Menschen breiten Raum ein, weil die
gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten, die von diesem Drittel
verrichtet wurden, jetzt auf andere Weise erbracht werden müssen:
entweder privatisiert und ökonomisiert (was oft mit einer
Verschlechterung der Leistungen einhergeht) oder als unbezahlte bzw.
außerordentlich prekäre migrantische Arbeit in privaten Haushalten.
Schon an diesem Punkt hat die Frage nach der Umverteilung der
gesellschaftlichen Arbeit eine kaum zu unterschätzende Bedeutung. Denn
es geht darum, wie wir unseren Alltag organisieren. Es geht um
Geschlechter-, Familien- und Migrationsverhältnisse. Dies ist keine
abstrakte Frage, sie hat nicht nur mit den Gewerkschaften und schon gar
nicht nur mit der Organisations- und Tarifpolitik zu tun.
Dass es zunehmend schwieriger wird, kollektive
Gegenwehr im Betrieb zu organisieren, hat insofern nicht nur
betriebliche Ursachen. Denn die Prekarisierung der gesellschaftlichen
Arbeits- und Lebensverhältnisse als Ganzes führt unmittelbar zu einer
Prekarisierung der gewerkschaftlichen Organisationspolitik. Wir wissen
alle, dass die DGB-Gewerkschaften seit Anfang der 1990er Jahre fast die
Hälfte ihrer Mitglieder verloren haben. Die Tarifbindung in den nicht
mehr ganz so neuen Bundesländern ist mittlerweile auf deutlich unter 50
Prozent der Erwerbstätigen gesunken. Aber es ist kein Zufall, dass die
Verluste unregelmäßig verteilt sind. Bestimmte Bereiche wie etwa das
Bauhauptgewerbe sind schon seit vielen Jahren unter Druck, in anderen
Sektoren und Beschäftigtengruppen bilden sich strategische Positionen,
die zum Teil zu einer lokalen Verhandlungsmacht geführt haben. Rezepte
der Mitgliedergewinnung, die diese Frage nur voluntaristisch angehen und
die ausschließlich auf eine bessere Ansprache der Kolleginnen und
Kollegen setzen, gehen unseres Erachtens notwendig ins Leere, wenn sie
den hier nur kurz skizzierten politisch-ökonomischen Kontext nicht
berücksichtigen. Vor allem aber führt eine Gewerkschaftsarbeit, die sich
lediglich auf diejenigen bezieht, die noch in ›Normalarbeit‹
beschäftigt sind, langfristig zu einer Verwandlung der Gewerkschaften in
ein Netzwerk gesellschaftlicher Minderheiten.
2. Für viele Erwerbstätige wie für
Erwerbslose ist die Krise lediglich die Fortsetzung einer nur allzu
bekannten Entwicklung. Dass etwa durch Stellenstreichungen und einen
verstärkten Zwang zur Produktivität kollektive Organisierung und
Gegenwehr gestärkt werden, ist folglich auch kein Automatismus. Im
Gegenteil trägt die Krise bislang offenbar auch dazu bei, einen
Korporatismus ›von unten‹ zu befördern. Doch Alternativen zu diesem
Korporatismus sind keine Frage nach mehr oder weniger guten Ideen. Sie
müssen sich im Nadelöhr des betrieblichen und gesellschaftlichen Alltags
bewähren, alltägliche Handlungsfähigkeit mit gesellschaftspolitischen
Positionen verbinden. Ein Thesenpapier kann dazu nicht viel beitragen,
gleichwohl existiert – nicht nur, aber auch innerhalb der Gewerkschaften
– ein Konflikt um die strategischen Orientierungen in der Krise. Und
die aktuelle Orientierung trägt unseres Erachtens zur Verschärfung der
Krise der Gewerkschaften bei.
In der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise hat
sich gezeigt, dass die Gewerkschaften nicht deshalb keine alternative
gesellschaftliche Konzeption ausweisen können, weil es ihnen am
abstrakten Vermögen, diese zu entwickeln, oder an der allgemeinen
politischen Einsicht in Handlungsalternativen fehlt. Der wichtigste
Grund ist vielmehr, dass die Krise in der Tat die Erosion der
historischen, relativ regulierten, männlich dominierten Normalarbeit nur
verschärft, nicht aber hervorgebracht hat. Die Verunsicherung bzw.
›Entgarantierung‹ des Arbeitslebens ist ein Prozess, der bereits über
mehrere Jahrzehnte anhält. Dieser Prozess hat viele verschiedene
Facetten, er ist in gewissem Maße durch spektakuläre politische
Ereignisse (wie die Nie-derlage der IG Metall im ostdeutschen Streik von
2003, die Hartz-Reformen usw.) hindurch kommuniziert und definiert
worden. Aber er setzt sich vor allem im Alltag fest. So ist etwa der
bereits erwähnte statistische Umstand, dass seit Mitte der 1990er Jahre
rund ein Drittel der Stellen im Öffentlichen Dienst bundesweit
ge-strichen, privatisiert oder verrentet worden ist, im Alltag nicht
präsent, aber durch steigende Arbeitsbelastung, stärkeren physischen und
psychischen Druck sowie eine Erhöhung der Arbeitszeit spürbar. Nur in
Ausnahmefällen werden Beschäftigte unmittelbar und spürbar zu
Betroffenen der Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Situation in der
Bundesrepublik unterscheidet sich in dieser Hinsicht stark von der in
Staaten wie Griechenland, Irland oder Island, in denen es zu einem
Zusammenbruch des staatlichen und privaten Finanzsystems gekommen ist.
Aber selbst in diesen Staaten war die Wirkung der Krise nicht überall
gleich spürbar, was ein wesentliches Moment ihrer Kontrolle durch die
jeweils Regierenden ist. Insbesondere wurden Auswirkungen der Krise in
der Produktion (sowohl privat angeeigneter als auch öffentlicher Güter)
grundsätzlich als abgeleitet angesehen. Die Krise begann offensichtlich
auf den Märkten, während sie in den Betrieben als naturwüchsige Folge
entweder der aus dem Zusammenbruch von Banken und Immobilienwirtschaft
notwendigen Haushaltskürzungen oder – ebenso naturwüchsig – aus dem
Zusammenbruch der Exportmärkte abgeleitet erscheint. Schon das Auftreten
der Krise in den Betrieben ist also eine Frage der Kräfteverhältnisse:
Selbstbewusst soziale Forderungen zu formulieren ist nur möglich, wenn
die Logik dieser Naturwüchsigkeit verlassen wird, wenn also
beispielsweise davon ausgegangen wird, dass soziale Ansprüche als solche
keine Funktion von Immobiliengeschäften und Exportmärkten sein sollten.
Die Forderung nach einer Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit
kann nicht ohne eine solche andere Logik auskommen.
Derartiges Selbstbewusstsein zu entwickeln ist
allerdings noch aus einem weiteren Grunde derzeit nicht einfach. Die in
These 1 konstatierte Tatsache, dass Prekarisierung eine Frage
politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse und
somit relativ unabhängig von der aktuellen ökonomischen Entwicklung
ist, bedeutet auch, dass die Erfahrung existentieller ökonomischer
Unsicherheit nicht neu ist. Deshalb greift die aktuelle Wirtschaftskrise
aus Sicht vieler Beschäftigter nicht sehr grundsätzlich in den Alltag
ein. Das bedeutet weder, dass sich die Leute besonders wohlfühlen, noch
dass es keinerlei Kritik an den Verschlechterungen der letzten Jahre
bzw. schon fast Jahrzehnte gibt. Dennoch erscheinen beispielsweise im
Öffentlichen Dienst der Bundesrepublik weitere Kürzungen, die auf der
Grundlage der durch die Bankenzusammenbrüche produzierten
Haushaltskrisen eingeleitet werden, lediglich als »dasselbe nochmal«,
als »eine weitere Runde« der Umstrukturierung und Ökonomisierung. Die
Krise ist kein Bruch, sondern lediglich eine Fortsetzung dieser
Entwicklung. Auch deshalb ist es keineswegs automatisch so, dass erneute
Zumutungen das Fass zum Überlaufen bringen und zu Widerständigkeit oder
sogar kollektiver Organisierung führen.
Aber das in These 1 angesprochene Problem der
Prekarisierung spielt auch noch in anderer Hinsicht eine Rolle. Denn in
Sektoren wie der exportorientierten Industrie, in der die Krise
unmittelbarer als Folge der Überproduktion und im Zusammenbruch der
Exportmärkte sichtbar wurde, wurde eine Regulierung vermittels der
Entlassung von LeiharbeiterInnen und der Kurzarbeit eingeleitet. Diese
Art der Regulierung hat sich die sozialen Unterschiede der Beschäftigten
zunutze gemacht: Während die Kurzarbeiter-Regelung den materiellen
Einbruch für die Noch-Beschäftigten ein wenig relativiert, bedeutet sie
zugleich, dass die Kolleginnen und Kollegen oft sehr lange Zeit nicht
mehr im Betrieb sind und ihre Kommunikation dadurch erschwert wird. Die
Gewerkschaften, insbesondere die IG Metall, haben sich nolens volens auf
diese doppelte Art der Regulation eingelassen. Dabei gilt auch für die
Gewerkschaften, dass dieser Weg lediglich »mehr von demselben« ist. Wir
erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass es nicht alleine der
mangelnde organisationspolitische Reformwille war, der die katastrophale
Entwicklung der Mitgliederzahlen bewirkt hat, sondern dass gerade die
Mitarbeit an der Restrukturierung der Unternehmen, der
Deindustrialisierung der neuen Bundesländer, an den
»Standortsicherungsvereinbarungen« und »Bündnissen für Arbeit« in den
späten 1990er Jahren sowie weitere Formen der Sozialpartnerschaft die
Rezepte waren, die in der jüngsten Vergangenheit zur Passivität der
betrieblichen Gewerkschaftsbasis beigetragen und den Mitgliederschwund
gefördert haben. Eine ›Absicherung‹ der Arbeitenden in der Krise alleine
durch eine Erneuerung der Kooperation mit Regierung und Unternehmen zu
betreiben, wird die in These 1 skizzierte Problemlage verschärfen:
Kurzfristig mögen die Abkommen zur Regulierung der Krise den
Gewerkschaften eine Existenzgarantie sichern, langfristig werden sie die
soziale Basis der Gewerkschaften weiter massiv schrumpfen lassen – und
Bemühungen der Organisationsreform durch »partizipative« Ansätze
(»Organizing«-Projekte, Kampagnen für »gute Arbeit«, für den Mindestlohn
etc.) werden lediglich Episoden bleiben.
3. In These 2 haben wir ausgeführt,
dass Forderungen nach Reformen – auch nach radikalen Reformen – an
sozialen Bedürfnissen anknüpfen, die die Verfasstheit der
Arbeitsbeziehungen praktisch kritisieren. Die Kampagne für eine
Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit, wie sie in den 1980er Jahren
von Teilen der IG Druck und Papier und der IG Metall verstanden wurde,
war ein Beispiel für einen solchen Versuch der Anknüpfung: Zumindest war
der Druck zu spüren, mit der Arbeitszeitkampagne auch die
gesellschaftliche Debatte um die häusliche Arbeitsteilung, über die
Qualität der kulturellen Arbeit, des Konsums, der öffentlichen Güter
usw. zu befördern. Allerdings hat sich dabei und danach auch gezeigt,
dass insbesondere die ›neuen‹ sozialen Bedürfnisse keineswegs in eine
eindeutig emanzipatorische Richtung weisen, sondern ambivalent sind und
in ihrer Umsetzung immer umkämpft bleiben. Das gilt auch und vielleicht
besonders für die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung. Sie ist kein
Rezept und keine Formel für den Weg in eine emanzipierte Gesellschaft,
sondern bleibt immer umkämpft.
Diese Ambivalenz gilt auch für die in der ersten
These angesprochene »Prekarisierung«. Keineswegs waren es lediglich
Angriffe der Unternehmer und die veränderte Politik der Regierungen, die
die Ausweitung der unsicheren, entregelten und entgrenzten
Arbeitsverhältnisse vorangebracht haben. Von vornherein entsprach die
Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses auch bestimmten Bedürfnissen
zumindest großer Teile der abhängig Beschäftigten. Die Hochzeiten des
Fordismus waren nicht das Paradies – vielmehr lebten wir auch schon in
den 1960er und 1970er Jahren in einer Gesellschaft, in der Menschen
durch indus-trielle Arbeit gesundheitlich und psychisch verschlissen
wurden, in der eine rigide Teilung zwischen Arbeit und Freizeit vor
allem die große Mehrheit der Frauen in eine abhängige und unwürdige
Position brachte. Und nicht zuletzt ist die Verunsicherung der Arbeits-
und Lebensverhältnisse für MigrantInnen, Ungelernte und Frauen nichts
Neues, sondern ein lange schon bekanntes und oft – nicht zuletzt auch
durch die sozialen Bewegungen der 1970er Jahre – angegriffenes Phänomen.
Die Kampagne für eine Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit in den
1980er Jahren hatte auch den Sinn, diese Verhältnisse umfassend zu
begreifen und zu verändern. Allerdings wurde aus der Kampagne schnell
der – nach dem Vermittler Georg Leber benannte – »Leberkäse«: mehr
Freizeit für die Normalarbeiter bei gleichzeitiger Erosion des
Normalarbeitsverhältnisses.
Dass konkrete, systemimmanente Reformen immer mit
konkreten Enttäuschungen verbunden sind, ist nichts Neues:
Selbstverständlich hatten die Unternehmer nur ein Interesse an der
»Humanisierung der Arbeit«, insofern diese Grundlage dafür sein konnte,
die Produktivität zu steigern. Umso wichtiger ist es allerdings, sich
klarzumachen, dass die Resultate von gesellschaftlichen Konflikten nicht
von vornherein feststehen. Das gilt auch für die historische Debatte um
die Umverteilung der Arbeit und sogar für die Debatte um die
Flexibilisierung der Arbeitszeit. So hatte etwa die Forderung nach
Abschaffung der Stechuhr nicht alleine die Dimension, dass
Unternehmerverbände, Unternehmensberatungen, das Management und der
Staat die Arbeitenden auf der Grundlage sozialtechnischer Erwägungen
dazu verführen wollten, sich entgrenzt und (nach Ende der Arbeitszeit)
unentgeltlich zu verdingen. Er war auch eine Forderung nach mehr
Selbstbestimmung, mehr Flexibilität, einer Vereinfachung der
Kinderbetreuung. Ähnliches gilt für die Experimente, die im Rahmen der
»Humanisierung der Arbeit« gemacht wurden: Gruppenarbeit zum Beispiel
griff die Forderung nach einem Ende der sinnentleerten und
gesundheitsschädlichen repetitiven Teilarbeit auf, aus Sicht der
Beschäftigten ein sehr wichtiges Anliegen, aus Sicht der Unternehmer mit
dem Ziel der Verdichtung der Arbeitszeit und der ›selbstständigen‹
Intensivierung der Arbeit. Dass neue Formen der Kooperation keineswegs
zu einer Emanzipation der Arbeitenden (geschweige denn der unbezahlten
Arbeit) geführt haben, ist kein Argument gegen solche Bedürfnisse und
Forderungen, sondern nur die Feststellung, dass die Zuspitzung des
Konfliktes immer nur für eine bestimmte, kurze Zeit gelingt.
Das gilt gerade auch für die Forderung nach einer
umfassenden Verkürzung der Arbeitszeit und einer Umverteilung der
gesellschaftlichen Arbeit. In dem Maße, in dem diese Forderung im Rahmen
eines Handels mit den Unternehmerverbänden umgesetzt wurde, der
voraussetzte, dass die Arbeitszeit einseitig flexibilisiert und die
Arbeitsverhältnisse für eine ganze Generation neu auf dem Arbeitsmarkt
aktiver Menschen in fast allen Dimensionen schlechter gestaltet wurden,
denunzierte sich die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung selbst: Viele
Beschäftigte sahen, dass sie einerseits »nur auf dem Papier« stand und
andererseits durch die Ausdehnung von Überstunden sowie die enorme
dauernde Steigerung der Produktivität konterkariert wurde. Die
Erwerbslosigkeit sank nicht substantiell, obwohl die Verkürzung der
Arbeitszeit vielleicht die Arbeitsplätze einiger Facharbeiter für eine
gewisse Zeit gesichert haben mag. Die Teilung der Arbeit nach Geschlecht
und Herkunft hat sich sicherlich modifiziert, aber die Prekarisierung
der Arbeits- und Lebensverhältnisse hat, wie in These 1 bereits
ausgeführt, zu einer neuen enormen Polarisierung geführt.
Arbeitszeitverkürzungen eröffneten eine Reihe von
Reformen, die unter Rückgriff auf Ideen der sozialen Bewegungen und
emanzipatorischer Teile der Gewerkschaften umgesetzt und dabei in eine
erneuerte Regulierung der Arbeitsbeziehungen übersetzt wurden: Auch die
erwähnte Gruppenarbeit und die Flexibilisierung der Arbeitszeiten
gehörten dazu. Überall gilt: Ursprüngliche Ziele und Resultate stimmten
dabei vielleicht formal überein, grundlegend klafften sie himmelweit
auseinander. Das bedeutet aus unserer Sicht nicht, dass die Bedürfnisse,
die sich unter anderem in der Forderung nach der 35-Stunden-Woche und
dem 7-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich artikuliert haben, falsch
oder einfach nur illusionär waren, sondern dass Reformen – auch radikale
Reformen – von einem fortlaufenden Konflikt um die Art ihrer Umsetzung
begleitet sind – ein Konflikt, den alle, die mit der 35-Stunden-Woche
andere Ziele verbanden, im Laufe der 1990er Jahre verloren haben, der
aber damit wenigstens aus unserer Sicht keineswegs beendet ist.
4. Die jüngsten Tarifrunden in der
Metall- und Elektroindustrie sowie im Bereich Bund und Kommunen des
Öffentlichen Dienstes waren ein Versuch, in der Krise im Konsens mit den
staatlichen und privaten Unternehmern den Status quo der
Noch-Beschäftigten und den gewerkschaftlichen Einfluss am grünen Tisch
zu sichern. Auf eine Verbindung mit den Anliegen der
Nicht-mehr-Beschäftigten und dem Kampf um den Erhalt, die Qualität und
den Ausbau öffentlicher Güter wurde verzichtet. Eine Erneuerung der
Debatte über eine Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich
ist nur dann erfolgversprechend, wenn sie zugleich eine Bezugnahme auf
diese Anliegen und Kämpfe enthält.
Eine ganze Reihe von AutorInnen unterschiedlicher
politischer Provenienz konstatieren in ihrer kritischen Bewertung der
so genannten tarifpolitischen Neuorientierung der IG Metall in der
Metall- und Elektroindustrie, dass es sich um einen »Krisenkorporatismus
auf Spitzenebene« (Detje/König) handele. Meistens wird in dieser
Kritik, wenn es sich um gewerkschaftsnahe Veröffentlichungen handelt,
die Perspektive der Noch-Beschäftigten der betroffenen Exportindustrien
nicht verlassen: Diese, heißt es, sei trotz des Korporatismus
»langfristig nicht gesichert«, da es sich um eine Strukturkrise handele.
Insofern völlig zurecht wird eine Erneuerung der Debatte um
Arbeitszeitverkürzung sowie eine gesellschaftliche Diskussion über
alternative Produktionslinien gefordert, wie sie im Kontext der Kampagne
für die 35-Stunden-Woche geführt wurden, die selbst (wir erinnern uns)
eine Reaktion auf die schweren konjunkturellen Verwerfungen sowie die
schnell steigende Massenerwerbslosigkeit zu Beginn der Kohl-Ära waren.
Doch obwohl eine Untersuchung des WSI betont, dass in 71 Prozent der
krisenbetroffenen Betriebe zunächst die prekär Beschäftigten »abgebaut«
und lediglich in einem Drittel der Betriebe auch die
»Stammbelegschaften« angegriffen wurden, während die Zahl der
KurzarbeiterInnen auf über 700000 stieg, scheint die Asymmetrie dieser
Entwicklung zu keinen unmittelbaren Konsequenzen zu führen. Unsere
Einschätzung ist dagegen, dass das ›korporatistisch‹ ausgehandelte
Ergebnis – ein Metall-Tarifvertrag über 23 bzw. 26 Monate, dessen
Ergebnis gegen Null geht und mit dem zugleich Arbeitszeitverkürzung auf
eine begrenzte Weise fortgesetzt wird (wir kommen gleich darauf zurück) –
letztlich nur als Schwächung der Verhandlungsmacht aller Kolleginnen
und Kollegen gesehen werden kann: Ob nun ›von oben‹ oder ›von unten‹
motiviert, so bleibt doch zu konstatieren, dass auf einen Kampf um alle
Arbeitsplätze (einschließlich derjenigen der Randbelegschaften) in den
meisten Krisenbetrieben unter ausdrücklichem Hinweis auf die scheinbar
selbstverständliche Rolle der industriellen Reservearmee verzichtet
wurde.
Das Versprechen, die Arbeitsplätze (nicht: die
Arbeitsbedingungen oder die Löhne) der Noch-Beschäftigten in einer
gemeinsamen Anstrengung von Regierung, Unternehmen und Gewerkschaften zu
erhalten, baut auf einer sehr fragwürdigen Hoffnung: Nach mir die
Sintflut! Das heißt: es rechnet mit dem Aufschwung, der sich schon
irgendwie wieder einstellen wird, und versucht, solange es geht, ein
möglichst großes Fragment der Kernbelegschaften zu erhalten. Wie es zum
Aufschwung kommen soll, bleibt dabei allerdings ebenso unklar wie die
Frage danach, warum die Nicht-mehr-Beschäftigten, die in der Folge – so
die Annahme – wieder in die Betriebe gespült werden, sich in den
kommenden besseren Zeiten eigentlich gewerkschaftlich organisieren
sollten. Wenn wir davon ausgehen – und damit wären wir nicht besonders
originell, auch Leute wie der stellvertretende Vorsitzende der IG Metall
konstatieren dies ja –, dass das Mitgliederproblem der Gewerkschaften
im Wesentlichen ein Problem der Entfremdung der Gewerkschaftspolitik vom
Alltag der Gewerkschaftsbasis ist, dann reicht das St. Florians-Prinzip
nicht aus, sondern es geht erstens um die Frage, welche Güter mit den
reichhaltigen Steuermitteln, die derzeit in den Wirtschaftskreislauf
gepumpt werden, eigentlich produziert werden sollen (und auch: von wem,
wie, wo und nach welchen Maßgaben diesbezüglich Entscheidungen getroffen
werden), und zweitens geht es um eine »Politik der Entprekarisierung«
(Dörre), in der auch die berechtigten sozialen Ansprüche und Forderungen
der Nicht-mehr-Beschäftigten anerkannt und diese nicht nur auf das SGB
II verwiesen werden: Die Forderung nach einer gesellschaftlichen
Umverteilung der Arbeit muss als Teil dieses Konfliktes gesehen werden
und sich mit der Forderung nach einer Abschaffung der Sanktionen
gegenüber Erwerbslosen und nach existenzsichernden Einkommen für alle
sowie dem freien Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen verbinden.
Damit ist auch gesagt, dass eine Debatte um die
gesellschaftliche Arbeit in ihrer ganzen Breite, die Bedeutung der
Arbeit in der Pflege und die bezahlte wie unbezahlte Arbeit in privaten
Haushalten sowie die Qualität öffentlicher Güter untrennbar mit der
Forderung nach Arbeitszeitverkürzung verbunden ist.
Denn die Katastrophe ist nicht der Zusammenbruch
von Banken, sondern es ist die Erosion der sozialen Kohärenz, die daraus
folgt, dass eine immer größere Gruppe von Menschen nicht mehr über ein
existenzsicherndes Einkommen aus Lohnarbeit verfügt, während
gleichzeitig dramatische Verschlechterungen im Bereich der Reproduktion
des gesellschaftlichen Lebens vorgenommen wurden: Verschlechterungen in
den Altenheimen, den Kindertagesstätten, den Krankenhäusern, der
Abfallentsorgung, des Nahverkehrs, der sozialen Arbeit, der kulturellen
Einrichtungen, der Bewirtschaftung öffentlicher Räume usw.
Was André Gorz in »Wege ins Paradies« als den
Traum und die Möglichkeit eines weitgehend von der Entfremdung der
Lohnarbeit befreiten Lebens bezeichnet hat, wird heute vielfach zum
Albtraum. Wer einmal in die Reservearmee gerutscht ist und ›arbeitsfrei‹
wird, wird immer stärker auf ein eng begrenztes Feld von
Arbeitsbeschaffung und äußerst reduziert nutzbaren öffentlichen Gütern
zurückgeworfen. Die ›Kinder der Reservearmee‹ werden zugleich mit
Armutssituationen und gesellschaftlichen Benachteiligungen konfrontiert,
die in ähnlicher Form schon vor Jahrzehnten berechtigte Empörung
ausgelöst haben und zu einem der wesentlichsten Motive für die
Entstehung der ArbeiterInnenbewegung gehörten. Diesen Entwicklungen ist
nicht alleine mit einer Neuorientierung der gewerkschaftlichen
Tarifpolitik oder der gewerkschaftlichen Politik überhaupt beizukommen.
Allerdings ist eine gewerkschaftliche Politik unzureichend, die sich –
wie auch in der letzten Tarifrunde im Öffentlichen Dienst – darauf
reduziert, alleinig eine ›Nachfrageorientierung‹ zu fordern, und sich
letztlich – ganz im Gegensatz zu dieser Zielsetzung – auf einen
Abschluss einlässt, der nur dann nicht zu Reallohnverlusten führt, wenn
es wider Erwarten zu einer Stabilisierung der derzeitigen
rekordniedrigen Inflationsrate kommt. Viele GewerkschafterInnen haben
bereits vor dem Abschluss für die über zwei Millionen Beschäftigten in
Bund und Kommunen auf die Wut unter den Beschäftigten über den
Aufgabenzuwachs durch ständigen Personalabbau im Öffentlichen Dienst
hingewiesen. Stress, steigende Arbeitsbelastung und sinkende Qualität
sind die Folge. Es geht also hier auch um die Frage, wie Leistungen für
gesellschaftlich notwendige Bedarfe wie Infrastruktur, Bildung,
Gesundheit, soziale Sicherung produziert werden. Die Perspektive eines
Kampfes um Arbeitszeitverkürzung muss von vornherein eine
gesellschaftliche sein, in der die Frage nach der Qualität und
inhaltlichen Ausrichtung öffentlicher Güter eine wesentliche Rolle
spielt. Und dieser Kampf wird nicht zu gewinnen sein, wenn er einseitig
auf den Konsens mit den staatlichen Unternehmern setzt.
5. Arbeitszeitverkürzung ist kein
Patentrezept, sondern eine Strategie, die in ganz verschiedener Art
interpretiert werden kann: als zentralisierte, entdemokratisierte
Politik am grünen Tisch oder als Teil einer Erneuerung der
gewerkschaftlichen Alltagspolitik. Während es zwischen diesen beiden
Optionen vielfältige Grauzonen geben mag, muss doch zugleich
festgestellt werden: Es geht nicht beides zugleich! Der Rückblick auf
die Kämpfe um eine gesellschaftliche Umverteilung der Arbeit ist ein
Blick nach vorne: Arbeitszeitverkürzung ist keine Formel, sondern eines
der wichtigsten Anliegen einer erneuerten, emanzipatorischen
Gewerkschaftspolitik.
Tatsächlich enthielten die beiden im Frühjahr
abgeschlossenen Tarifverträge sehr wohl Regelungen über die Reduzierung
der Arbeitszeiten. In der Metall- und Elektroindustrie sind diese
Regelungen sogar der Kern der erreichten Vereinbarung. Kurz
zusammengefasst, handelt es sich um das Modell einer Verbindung von
Arbeitszeitverkürzung und staatlich subventionierter Kurzarbeit. Während
sich die Lohnpolitik beider beteiligten Gewerkschaften zwar
propagandistisch, aber im Resultat nicht substanziell unterschied, sind
die Regelungen über die Arbeitszeit im Metall-Tarifvertrag viel
weitgehender als im Bereich Bund und Kommunen des Öffentlichen Dienstes:
Eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit für sechs Monate auf 28 sowie mit
Zustimmung der IG Metall auch auf 26 Wochenstunden ist möglich, wobei
ein kleiner Teillohnausgleich insofern vorgesehen ist, als bei 28
Wochenstunden 29,5 bezahlt werden. ver.di hat dagegen nur eine sehr
unsichere Absicherung einer Übernahme der Auszubildenden nach dem
Berufsbildungsgesetz »bei Bedarf für zwölf Monate« sowie eine ebenso
kleine Ausstiegsmöglichkeit für einen geringen Teil der Beschäftigten in
Altersteilzeit erreicht.
Hierbei geht es wesentlich darum, eine weitere
Erosion der Kernbelegschaften zu verhindern. Diese Tendenz ist in der
Geschichte der Arbeitszeitverkürzungen nicht neu. Schon die Einführung
des 8-Stunden-Tags und der 40-Stunden-Woche folgte in den späten 1950er
Jahren und im Laufe der 1960er Jahre dieser Logik. Die IG Metall
handelte sie in Spitzengesprächen aus, weitgehend ohne jegliche
Beteiligungsorientierung. So wurde die Verkürzung der Arbeitszeit
ausgerechnet in der Rezession von 1966/67 verschoben – einer der
Kompromisse, mit denen sich die Gewerkschaften eine Eintrittskarte für
die »Konzertierte Aktion« verschafften. Dort war die Zeitpolitik nichts
weiter als ein Faustpfand der ›Verhandlungsführer‹ am grünen Tisch. Erst
in den 1970er Jahren wurde die Frage auf Druck der neuen Frauenbewegung
und der neuen sozialen Bewegungen repolitisiert.
Die aufgehende Sonne mit der 35 war das Symbol
dieser Repolitisierung, bei der es in der Tat nicht mehr, wie noch 1956,
nur um »Vati« ging, der »samstags mir gehört«, sondern auch um eine
Kritik an der Arbeitsteilung der Geschlechter, um die Sehnsucht nach
einer neuen, weniger entfremdeten Welt jenseits der Lohnarbeit, um die
Solidarität zwischen den in Lohnarbeit Beschäftigten und den
Erwerbslosen. Der wochenlange Metaller- und noch längere Druckerstreik
des Jahres 1984 markierte den Höhepunkt und zu-gleich den Abschluss
dieser Bewegung. Arbeitszeitverkürzungen funktionierten danach ganz
weitgehend wieder nach dem alten historischen Modus: als
Notfalloperationen für die Noch-Beschäftigten in Krisensituationen, wie
etwa am Beispiel der 28-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich bei Volkswagen
gesehen werden kann. Die aktuelle Tarifpolitik stellt sich in diese
Tradition. Wir wollen dagegen, dass die Arbeitszeitpolitik sich in eine
andere Tradition stellt.
Doch dies wird unseres Erachtens nicht möglich
sein ohne eine, wie die feministische Soziologin Arlie Russell
Hochschildt es nennt, Arbeitszeitbewegung. Zu dieser Bewegung gehören
auch Ansätze, die nach dem ganzen Leben als Zusammenhang zwischen
bezahlter und unbezahlter Arbeit fragen: Wie will ich leben? Wie will
ich mit meinen Kindern umgehen? Wann ist – ohne Stechuhr – dennoch eine
Grenze erreicht, nach der ich für die Erwerbsarbeit nicht mehr zur
Verfügung stehe? Um solche Fragen zu beantworten, ist es notwendig, vor
Ort Bündnisse zwischen Beschäftigten, Gewerkschaften und sozialen
Bewegungen auf gleicher Augenhöhe zu entwickeln. Für eine Bewegung, die
solche Fragen stellt, reicht ein Bündnis mit schwächelnden sozialen und
langsam erstarkenden stadtpolitischen Bewegungen jedoch nicht aus: Es
geht auch um eine andere gewerkschaftliche Alltagspolitik. Die Aktionen,
die einige IG Metaller vor einigen Jahren bei IBM gestartet haben, um
einer Entgrenzung der Arbeitszeit durch eine Selbstorganisierung der
Beschäftigten entgegen zu wirken, sind aus unserer Sicht eine von
mehreren Möglichkeiten, mit einer solchen Politik anzufangen. Projekte
betrieblicher Basisarbeit, wie sie nicht nur unter dem Stichwort
»Organizing« bei ver.di stattgefunden haben, bieten ebenfalls Ansätze,
die Arbeitssituation vor Ort umfassend zu thematisieren. Und schließlich
sind auch bundesweite Streikversammlungen wie beim Kita-Streik von 2009
sowie umfassende Fragebögen, in denen die Beschäftigten nach ihren
Wünschen für die laufende Tarifrunde gefragt werden, richtige Ansätze.
Diese Ansätze verkommen allerdings dann zu einer reinen Sozialtechnik,
wenn die Partizipation der Mitglieder und Beschäftigten nur auf dem
Papier steht und in der Frage der Ausformung der Politik der
Gewerkschaften gegenüber Regierung und Unternehmern letztendlich
wiederum nur die Gremien entscheiden, aus denen sich die
Gewerkschaftsspitzen zusammensetzen. Dies gilt im Übrigen auch
unabhängig davon, wie diese Gremien im Einzelnen politisch
zusammengesetzt sind.
André Gorz schrieb über »Wege ins Paradies«, über
die große Utopie einer gleichen, freien Gesellschaft, in der die
notwendige gesellschaftliche Arbeit gerecht und solidarisch verteilt
wird. Damals war die Grundlage die Erfahrung der Automatisierung, des
Verschwindens der Fabrikarbeit und damit potentiell auch der männlich
dominierten Arbeiterklasse und ihrer gesamten historischen Missionen und
Absurditäten. Das Verschwinden in etwas Positives wenden, in eine neue
Vorstellung von der Arbeit, von sozialen Rechten,
Existenznotwendigkeiten, Geschlechterverhältnissen – das war keine
schlechte Idee, aber leider haben wir diesen Kampf verloren. Heute geht
es um kleinere Fragen. So um die Frage, wie Schritte gegangen werden,
die uns alltäglich handlungsfähig machen, wie Konflikte formuliert und
artikuliert werden, die über die Ideologie, dass ›alle in der Krise den
Gürtel enger schnallen müssen‹, hinaus weisen. Vielleicht geht es heute
vor allem um die »Umwege«, die notwendig sind, um dieses Ziel nach allen
Erfahrungen mit den vergangenen Kämpfen um Arbeitszeitverkürzungen, mit
den Bedürfnissen vieler Menschen und vor allem jenseits der immer
fester werdenden Grenze von Noch- und Nicht-mehr-Beschäftigten
realistisch erscheinen zu lassen. Es gibt hier keine Rezepte, sondern
nur Erfahrungen. Die historische Qualität der ArbeiterInnenbewegung war
und ist jedoch, dass sie in der Lage war, sich neuen Erfahrungen immer
wieder lernend zu öffnen. Auch in diesem Sinne sind wir ja erst am
Anfang: Arbeiten wir daran!
* Sieglinde Frieß ist
ver.di-Fachbereichsleiterin für den Bereich »Bund/Länder und Gemeinden«
in Hamburg.
Peter Birke ist aktiv in der »Gruppe Blauer
Montag«, arbeitet an der Universität Hamburg und als freier Mitarbeiter
der Rosa Luxemburg Stiftung.
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