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04.02.2013

"Selbst der Klempner muss ja heute cool sein"


Quelle: Neues Deutschland, 4.1.13, Interview Thomas Blum

Thomas Blum hat Schorsch Kamerun (Gründer der Punkband "Die Goldenen Zitronen") zu einem Gespräch über das Internet, die Lust am Scheitern und die Frage, ob er mit Mick Jagger tauschen würde, getroffen.

Ein über 20 Jahre altes Lied der Goldenen Zitronen heißt »Alles was ich will (nur die Regierung stürzen)«. Wie dringend muss gegenwärtig die Regierung gestürzt werden?
So dringend wie immer. Was die Regierungen unserer westlichen Hemisphäre aufrechterhalten, bringt einige Ungerechtigkeiten mit sich. Bei einem Rating bliebe die Forderung weiterhin bei Zehn.

Sie kommen vom Punkrock, heute inszenieren Sie modernes Theater. Ist der Weg in die Hochkultur mit der Aufgabe politischer Überzeugungen verbunden?
Hochkultur? Das gibt es ja gar nicht mehr. Das klingt gleich nach so einem gewissen Verdacht, dass man durch die Institutionen gelatscht ist. Das Gute am Theater scheint mir, dass man dort unzensiert Dinge machen darf. Außer der steuerzahlenden Kommune gibt es niemanden, dem man verpflichtet ist. Da kommt keiner und sagt: Das führe ich nicht auf, das gibt es nicht. Man muss schon ein bisschen genauer hingucken, was man meint, wenn man »Kommerz« sagt. Aber zweifellos bin ich, wie alles andere auch, eine Art Label mit einen schwankenden Marktwert. Selbst der Klempner muss ja leider heutzutage nicht nur gut, sondern auch cool sein.

Ihr neues Album, »Der Mensch lässt nach«, versammelt Musikstücke aus Ihren Theaterinszenierungen. Ihr Thema ist die Durchökonomisierung der Gesellschaft.
Oder die Durchökonomisierung des Selbst. Wir sind ja aufgefordert, das ständig zu optimieren, das ist das Problem der heutigen, ausgebrannten Gesellschaft. Sie ist ja nicht nur als Gesellschaft entfremdet oder der Mensch darin, nach Marx. Wir sind aufgrund des ständigen Zwangs, uns zu präsentieren, im permanenten Überforderungsmodus. Da lässt man nach irgendwann.

Fühlt man sich einsam als eine Art letzter Linker im Popkulturbetrieb?
Ich wundere mich auch ein bisschen, dass die Leute nicht explizit politischer sein wollen. Bei mir gibt es diesen interventionistischen Gedanken, der eigentlich aus etwas ganz Kleinem herrührt. Die Umgebung, das Kaff, aus dem ich komme, habe ich als sehr autoritär empfunden. Dagegen mussten ich und ähnlich Empfindende etwas unternehmen und es laut sagen. Das ging erst einmal über Punk. Man darf die Leute aber nicht unterschätzen. Ich nehme ja auch den Wutbürger ernst, obwohl mich die plötzliche Emotion etwas befremdet, weil sie erst auftaucht, wenn der neue Bahnhof direkt vor seiner Haustür stört. Sonst ist er still.

Ihre Hauptthemen sind die Verwertung des Einzelnen im kapitalistischen Alltagsbetrieb, die Kulturindustrie, die Leistungsgesellschaft. Wie kann man das stören, sich dem entziehen?
Auch ich verwerte mich ja selbst. Sich dem zu entziehen, kann Eskapismus sein, Zerstören ist ein aktives Moment. Es geht um beides. Wenn man an Formen gegenkulturellen Handelns interessiert ist, dann sollte man sie auch in den Zentren praktizieren und nicht im Wald. Ich mochte die Strategie der Occupy-Bewegung, die erst einmal gesagt hat: »Gegen die gierigen Banken« usw. Nur: Die Banken findet auch Frau Merkel schon scheiße. Das besonders Kluge an Occupy fand ich, dass sie erst mal das Kollektiv feierten, eigene Strukturen entwarfen, ohne gleich Plakate mit Gesichtern oder griffigen Slogans rauszuhängen.

Ist Occupy nicht eine Art sozialdemokratische Bewegung?
Occupy ist einer von vielen Gedanken, der vielleicht zu einer anwendbaren Utopie führen kann. Man sollte nicht sofort das verwertbare Ergebnis fordern. Das ist leider ein weit verbreitetes Denken.

Ist das das Maximum, das heute an gesellschaftlichem Widerstand möglich ist? Sich den Gewerkschaften und Attac anzuschließen?
Es wäre ja absurd zu sagen, dass ich es weiß. Es weiß ja gerade anscheinend niemand. Und wir leben auch nicht in vorrevolutionären Zeiten. Jeder kann nur in seinem kleinen Umfeld probieren, nicht allzu falsch im Falschen zu leben. Dann kann man sich entscheiden zwischen Aktivismus oder künstlerischen Versuchen. Ich probiere beides, weiß aber auch nicht, wo die »bessere Welt« genau anfängt. Ich meine: Wie kann man eigentlich an einem Obdachlosen vorbeigehen, wenn man 180 Euro in der Tasche hat? Das ist kompliziert.

Ist das Internet eine Bereicherung? Oder ein Gleichschaltungs- und Kontrollmedium?
Es bietet die Möglichkeit von Kommunikation, Verabredung und auch Selbstdarstellung. Dabei ist es ein riesiger Unsicherheitsteich und eine Art von Aufmerksamkeitsdruck-Marktplatz, den wir alle bespielen sollen. Es ist auch eine Abschaffung oder Auslagerung von uns selbst. Man darf das Internet aber benutzen, wenn man es nicht zu sehr mit der Realität verwechselt. Bei den nordafrikanischen Aufständen, wo alle von »Facebook«- oder »Youtube-Revolutionen« sprachen, hat man sich per Internet verabredet, aber letztlich getroffen haben sich die Menschen auf dem Tahrir-Platz, auf der klassischen Agora. Das Internet war hier nützliches Instrument. Es kann Aufklärungsmedium sein und Pranger.

Und der Kommerz im Internet, die permanente Bespaßung aus dem Smartphone?
Diese neuen Apple Stores werden ernsthaft kultisch verehrt, wie der Heilige Gral. Sie sind die neuen Pyramiden. Früher hat wahrscheinlich jeder, der sich einer benachteiligten Klasse zugehörig gefühlt hat, immer die Statussymbole der Oberen mitkritisiert, heute steckt das Smartphone in der eigenen Hosentasche. Und wir feiern es auch noch.

Gibt es da keinen Unterschied zwischen Alten und Jungen?
Die Älteren haben begriffen, dass sie über jugendliche Zeichen am erfolgreichsten sind. Auch Mick Jagger tanzt – absurder geht es fast nicht – als topfittes Alleinstellungsmerkmal ins Stadion wie ein 16-Jähriger und röhrt dabei »Street Fighting Man«. Nur: Wo ist denn da die Straße? Bono, der Sänger von U2, hat neulich sein Vermögen an einem Tag ver-x-facht. Er ist eben nicht nur U2-Sänger, er ist auch jemand, der als nobler Finanzplayer mitspielt. Mich interessiert Materielles nicht so. Ich habe keine großen materiellen Wünsche. Ich wünsche mir kein besonderes Auto usw., das ist ganz angenehm. Ich möchte auch nicht bedient werden in irgendwelchen Ferienresorts, das gefällt mir einfach nicht. Das hat Vorteile, auch das bedeutet sogar eine gewisse Freiheit.

Sie haben keinen regulären Schulabschluss. Heute sind Sie angesehener Künstler, Gastprofessor an Hochschulen. Ist nicht dadurch auch die Leistungsideologie des Kapitalismus in gewisser Weise bestätigt? Wer etwas leistet, setzt sich durch?
Es geht auch ums Durchsetzen, das will ich nicht abstreiten. Ich wünsche mir immer noch das Arbeiten im Kollektiv zum Beispiel. Bei Theaterstücken, wo wir in größeren Runden sitzen, bin ich zwar der Herr Regisseur und jeweils derjenige, der am Schluss die meiste Verantwortung übernimmt für den ganzen Käse. Die anderen sind aber alle gleichberechtigt.

Nächstes Jahr wird Ihre Band, die Goldenen Zitronen, 30 Jahre alt. Sie selbst werden dieses Jahr 50. Wie halten Sie es mit der alten Songzeile von The Who: »Hope I die, before I get old«?
Ja, das ist ein Missverständnis. Man glaubt daran, in der Jugend eine bestimmte Wildheit zu haben. Aber mich interessiert diese »Rock’n’Roll«-Behauptung nicht als Strategie. Ich glaube, dass man im Geist auch noch mit 90 Jahren wild sein kann. Das Modell »Rock’n’Roll« fanden wir als Band sehr schnell öde. Im Theater finde ich es noch idiotischer, wenn Schauspieler in die Vorstellung gehen und behaupten, sie würden gleich »die Bühne rocken«, weil sie auf einen authentischen, physischen Moment hoffen. Ich finde den in dieser Form hergestellt einfach schnarchig. Natürlich hat die Jugend grundsätzlich recht, weil sie unverstellter sein kann, weil sie nach naiveren, ungeprobten Identitäten Ausschau halten muss. Die »The Who«- Songzeile bedeutet ja, dass man sich in dem Entstehungsmoment sehr radikal vorgekommen ist und man das im Denken dann vielleicht später nicht mehr ist. Diese Berufsjugendlichengebärden sind ja mittlerweile auch stadiontauglich. Kurt Cobain dagegen ist gescheitert, weil er glaubte, dass er nur im absoluten Underground Spirit leben darf. Das ist ähnlich bescheuert. Ich meine, ich habe ja auch keinen Irokesenschnitt mehr, ich glaube daran nicht mehr als wirksame Strategie.

Ihre politisch-künstlerische Arbeit wäre also die Alternative? Musik und Theater als politische Intervention?
Ich nenne das gar nicht erst »Arbeit«, weil ich Künstler immer so öde finde, die einem ihre neueste »Arbeit« zeigen wollen. Das hat schon wieder mit »hochwertigem Werk« zu tun und »großer Schöpfung«.

Wie müsste man es nennen?
Keine Ahnung. »Voranbasteln« vielleicht, irgendwie so. Die Begriffe Arbeit und Werk implizieren immer gleich, dass das Gemachte einen gerechtfertigten Anspruch erhebt. Ich mag dieses künstlerische Anspruchsdenken so gar nicht. Babys bauen Bauklötze übereinander und wollen einem das dann vorzeigen, das ist kreativ. Nur der Werkschaffende, der gearbeitet hat, will dafür besonders gelobt werden, obwohl es doch reine Selbstverständlichkeit ist, im besten Fall Notwendigkeit. Der naive Moment wird oft verhindert durch eitle Hochkategorisierung. Ich möchte das Experiment immer wieder richtig feiern können, auch wenn es nicht zu verhindern ist, dass manche Sachen vollkommen scheitern dabei. Das hat natürlich auch zur Folge, dass man dadurch keinen verlässlichen Stil schafft wie ein Mick Jagger. Das macht aber auch nichts. Das ist ja mein Leben. Ich möchte ja auch nicht tauschen.

Schorsch Kamerun, 1963 geboren in Timmendorfer Strand an der Ostsee, hat in seiner Jugend eine Lehre zum Kfz-Mechaniker absolviert. 1984 gründete er die Hamburger Band »Die Goldenen Zitronen«, deren Sänger er ist. Darüber hinaus ist er Autor, Theaterregisseur und Mitbetreiber des »Golden Pudel Clubs«. In wenigen Tagen erscheint sein neues Soloalbum »Der Mensch lässt nach«. 

Mit Schorsch Kamerun sprach
 Thomas Blum.



Weiterführende Links:
Neues Deutschland - Die sozialistische Tageszeitung





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