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Themen / [(anti)faschismus]

22.02.2013

RE:GUBEN. Oder was bisher geschah


Redaktion RE:Guben, 13.2.2013

In den Morgenstunden des 13. Februars 1999 starb in Guben der 28-jährige algerische Flüchtling Farid Guendoul in einem Hauseingang, nachdem er und seine beiden Freunde – Issaka K. aus Sierra Leone und Khaled B., ebenfalls aus Algerien – von einer Meute rechter Jugendlicher gejagt worden waren.



Im Vergleich zu den meisten anderen rassistisch oder rechtsmotivierten Gewalttaten war der Tod von Farid Guendoul über Monate ein Thema in der medialen Öffentlichkeit – mit großer Empathie für das/die Opfer. Kein Verständnis indes fanden die Reaktionen der Stadt und der Region; die handelnden Akteur/innen (Angeklagte, Verteidiger, Staatsanwaltschaft und Richter) in dem 17-monatigen Verfahren vor dem Landgericht Cottbus und das erstinstanzliche Urteil; die andauernden Übergriffe auf Nichtrechte, Ausländer/innen und den kurz nach der Tat bereits gesetzten Gedenkstein im Stadtteil Obersprucke: Das Geschehen blieb bis Ende 2000 medial ungewöhnlich präsent. Derweil schienen es die Einwohner/innen und die politisch Verantwortlichen der Stadt und der nahen Umgebung darauf angelegt zu haben, die allgemeinen Vorurteile über die ostdeutsche Provinz zu bestätigen: eine grundsätzliche Abwehr dem Thema gegenüber, die Weigerung, sich mit den rechtsextremen und rassistischen Potenzialen in der eigenen Bevölkerung zu befassen, eine Verkehrung der Täter-Opfer-Verhältnisse in der Tatnacht, Schuldzuweisungen an die Opfer, die Presse, die Antifa und „Auswärtige“ allgemein, kurzum, eine „Wagenburgmentalität“ machte sich breit, in der alles, was von „außen“ kam, als Angriff auf das eigene Gemeinwesen wahrgenommen und abgewehrt wurde.

Die Zeit gab den Gubener/innen Recht: Alle Verantwortung für den Umgang mit den Ereignissen vom 13. Februar 1999 wurde dem Cottbuser Landgericht zugeschoben. Und als dieses die Tat als „fahrlässige Tötung“ verurteilte und die meisten der Täter auf freiem Fuß blieben, konnte man sich in Guben bestätigt sehen: Es war ein „tragischer“ Unfall, für den kein Gubener/keine Gubenerin die Verantwortung trug.

Die mediale Aufmerksamkeit ließ nach, als nichts mehr passierte, über das es sich zu berichten lohnte. Aber auch ein Gedenken an den Toten, von dem man meinen könnte, dass es nicht abhängig ist von Ereignissen oder der Presse, fand kaum statt. Es gab niemanden in der Stadt selbst, dem dies ein Anliegen war oder der das nötige Durchhaltevermögen besaß, es gegen den Willen der Mehrheit dauerhaft zu etablieren. Bestenfalls kleine Gesten der Erinnerung gab es am Todestag seit 2001: Einzelpersonen, welche die Notwendigkeit einer politischen Auseinandersetzung und/oder eines Gedenkens immer wieder anmahnten, 100 Gubener/innen, die 2001 eine Patenschaft für den Gedenkstein übernahmen, um dessen Pflege zu garantieren, eine bundesweit mobilisierte antifaschistische Demonstration im Jahr 2005 und einige zivilgesellschaftlich motivierte Aktionen zum 10. Todestag.

Farid Guendoul ist eines von mindestens 150 Opfern rassistischer und/oder rechtsextremer Gewalt in Deutschland seit 1990. Und auch wenn seinem Tod das Privileg großer öffentlicher Aufmerksamkeit zu Teil wurde, war er „Nur ein Toter mehr…“. Die Reaktionen auf derartige Taten gleichen sich so sehr, dass sie häufig identisch sind: Abwehr und Leugnung bei den städtischen Verantwortlichen auch noch Jahre später; bestenfalls Betroffenheit bei einigen wenigen Bürger/innen; Verständnis für die Täter; eine in der Regel kleine Antifagruppe, die versucht, die Erinnerung an den Toten, den Umgang mit der Tat und rechtsextreme Gruppierungen zu thematisieren; Gerichtsurteile, die den Ereignissen und den Empfindungen von Hinterbliebenen und Freund/innen nicht gerecht werden können und die trotzdem als abschließende Festsetzung und Einordnungen dienen. So auch in Guben: Man darf nicht „Mord“ sagen, weil es nach juristischen Maßstäben kein Mord war. Die fehlenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die zu einem anderen Urteil kommen könnten, weil sie über die justiziablen Zuschreibungen hinausgehend andere Kriterien von Schuld anwenden, fanden und finden nicht statt.

Am Ende bleibt in der Regel Schweigen. Und nur noch die großen Jahrestage führen zu vorhersehbaren Betroffenheitsgesten.




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