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16.03.2013

Genealogie einer Lüge


von Marlene Göring, Neues Deutschland, 13.03.2013

Leipziger Buchpreis würdigt ein hochaktuelles Buch von Klaus-Michael Bogdal: Die Erfindung der Zigeuner in Europa.



Seit sechs Jahrhunderten spuken Gespenster durch Archive, Romane, Köpfe. Ihr Name: Zigeuner. Wie alle Geister entstammen sie nicht der Wirklichkeit, sondern einem Hirngespinst. Eines, das das moderne Europa erdacht - und bis heute bitter nötig hat.

Auf diese Formel kann man Klaus-Michael Bogdals Buch »Europa erfindet die Zigeuner« bringen. Einfach ist der Prozess von der Ankunft der Romagruppen, ihre kulturelle (Nicht-)Verortung als Zigeuner bis zu Verfolgung und Vernichtung aber nicht zu fassen. Der Bielefelder Professor hat sich diesem Mammutprojekt in den letzten zwanzig Jahren seiner Forschung gewidmet. Er hat Stadtchroniken gesichtet und eine Unmenge von Zigeunerfiguren im europäischen Literaturkanon analysiert. Entscheidend ist am Ende die politische Aktualität des Werks: Es macht deutlich, wie wenig Offenheit einer »Minderheit« von 12 Millionen Menschen auch heute noch entgegengebracht wird. Dafür erhält Bogdal auf der Leipziger Buchmesse den »Buchpreis zur Europäischen Verständigung«. Bahnbrechend sei seine Herangehensweise, brisant die Aussage, heißt es in der Begründung der Jury.

Um 1450 bieten Tatern, Ägypter oder Zigeuner dem mittelalterlichen Europa die ideale Projektionsfläche, um den Wandel zur Neuzeit und die eigene Überlegenheit zu konstruieren. Fortan stehen sie für das Kreatürliche, Überwundene und Ordnunggefährdende. So öffnet sich die Tür für die Negativzuschreibungen, die »den Zigeuner« von da an begleiten: Faul sei er, schmutzig, diebisch, promiskuitiv, dämonisch. Anders als Juden erhalten Roma in der Hierarchie der Gesellschaft keinen Ort, nicht mal an deren Rand. Raum ist für sie allein in der Negation, dem grundsätzlich Ausgegrenzten.

Nur kurzzeitig winkt die Aufnahme in die Gemeinschaft der Völker. Die akademischen Disziplinen, die sich im 18. Jahrhundert herausbilden, entwickeln erstmals ein Interesse an den Roma. Aber die Entdeckung der Romasprache und ihres Ursprungs im Sanskrit führen nicht zu einer Annäherung. Stattdessen manifestieren sich die alten Zigeunerlegenden in den Wissenschaften, die sie in gefährlichen Scheinwahrheiten festschreiben. Auch die Abkehr von aufklärerischen Idealen in der Romantik bringt nicht die Befreiung der Roma vom Zigeuner. Noch im Positiv machen allein die Imaginationen des Fremden ihren Charakter aus: das Anti-Bürgerliche, Wilde, Urtümliche. Der Zigeuner ist das Modell romantischer Fluchtfantasien, doch nie selbstständige Person.

Von der Industrialisierung bis heute gehen verklärender Exotismus und objektivierende Diskriminierung Hand in Hand. Während ihre Folklore phasenweise hochgefeiert wird, ordnet die rationalisierte Welt Roma per se Verbrechern und Asozialen zu - die entstehende »Massenarmut herrenloser Menschen« ist Grundbedingung für den industriellen Erfolg, meint Bogdal. Auf dem Höhepunkt der Entmenschlichung zählen auch Roma als unwertes Leben.

Insgesamt erfährt man wenig über die Rom, dafür umso mehr über die Verfasstheit des europäischen Geistes. Wunderbar ist, dass Bogdal gar nicht erst versucht, die Zuschreibungen zu relativieren. Das wäre auch nutzlos, weil Klischees als Projektionen aus dem Betrachter selbst kommen. Egal, was der so Bezeichnete einwendet oder wie er sich verhält - er kann den Schatten nicht loswerden. Dialektiktisch wird die Gesellschaft immer das wieder neu in ihm erkennen, was sie aus sich selbst verdrängt hat. Ein Grund, warum sich Vorurteile so standhaft halten.

In seiner Genealogie der Zigeuner-Lüge begibt sich Bogdal auf Spurensuche in einem riesigen literarischen Korpus. Werke wie Cervantes »la gitanilla«, Achim von Arnims »Isabella von Ägypten« bis hin zu »Hundejahre« von Günter Grass zeigen die Unfähigkeit, sich den Roma ohne Zuhilfenahme tradierter Bilder zu nähern. Dabei ist Bogdals Forderung nach uneingeschränkter Authentizität nicht unproblematisch. Sie lässt die Eigenschaft des Mediums Text außer acht, immer schon Überformung und Darstellung zu sein. So schränkt er Kunst nicht nur normativ ein. Bogdal ersetzt die kulturellen Zuschreibungen mit einem nicht weniger zweifelhaften Authentizitätsbegriff.

Bogdals größte Leistung ist der Entwurf einer negativen Kulturgeschichte. Aus den schwarzen Augen des Zigeuners blickt der böse Zwilling des idealisierten Europas der Aufklärung. Der Literaturwissenschaftler beschreibt ein Europa, »das fortschreitet, ohne Fortschritte hervorzubringen«. Ziemlich fatalistisch, würde er nicht immerzu darauf hinweisen: Auch Europas Identität ist nur konstruiert - und damit überwindbar.

Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner. Suhrkamp. 592 S., geb., 24,90 €.




Weiterführende Links:
Neues Deutschland - Die sozialistische Tageszeitung





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