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Themen / [(anti)faschismus]

26.03.2013

NSU-Prozess 
ohne 
türkische Medien?


ND, 26.3.2013

Die Vergabe der Presseplätze beim Mitte April beginnenden »NSU«-Prozess in München hat zu scharfer Kritik geführt. Die Tageszeitung "neues deutschland" schlägt "Sharing-Modell" vor



Unter den 50 Medien, die einen garantierten Platz im Gerichtssaal erhalten, ist kein türkisches oder griechisches Medium. Angesichts dessen, dass acht der zehn Opfer des NSU-Terrortrios türkischer Abstammung sind, sprach der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, von einem unglaublichen Vorgang. Er fragte, ob das Gericht »die türkische Öffentlichkeit aus dem Prozess ausschließen« wolle.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland kritisierte die Platzvergabe als eine »sehr unglückliche Entscheidung«. Dies schade dem Vertrauen in die Aufarbeitung der Mordserie, sagte dessen Vorsitzender Aiman Mazyek gegenüber dpa. Das Oberlandesgericht München wies darauf hin, dass nur begrenzte Presseplätze verfügbar und diese nach Eingangsdatum der Anmeldungen vergeben worden seien.

»neues deutschland« gehört zu den 50 Medien, die sich frühzeitig akkreditiert haben und einen Platz zur Berichterstattung garantiert bekamen. In einem Offenen Brief an die deutschen Medien hat nd-Chefredakteur Tom Strohschneider die jetzige Situation dennoch als »nachdenklich und bitter« bezeichnet. Unabhängig davon, ob das Gericht noch eine besser zufriedenstellende Lösung finden wird, schlägt Strohschneider Sharing-Modelle mit türkischen und griechischen Medien vor.

Diejenigen deutschen Medien, die einen garantierten Presseplatz erhalten, könnten türkische oder griechische Kollegen über ihren laut Gerichtsmitteilung nicht namensgebundenen, sondern »auf das jeweilige Medium ausgestellten Ausweis« an der Berichterstattung beteiligen. Das »nd« werde jedenfalls einen türkischen Kollegen zu einer mit dem eigenen Korrespondenten wechselnden Berichterstattung einladen. Strohschneider hofft, dass sowohl das Münchener Gericht diese Lösung akzeptiert wie auch, dass andere deutsche Medien diesem Beispiel folgen.

 


 

 

Der Chefredakteur von »neues deutschland«, Tom Strohschneider, hat wegen der Irritationen über die Vergabe der Presseplätze beim bevorstehenden »NSU«-Prozess nachfolgenden Brief an die Chefredaktionen anderer Medien adressiert:

Berlin, 26.03.2013

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Vergabe von 50 Presseplätzen beim bevorstehenden »NSU-Prozess« hat zu etlicher Aufregung geführt, da kein türkisches / griechisches Medium dabei berücksichtigt ist. Ich gehe davon aus, dass Sie diese Information wie ich nachdenklich und bitter aufgenommen haben. Auch wenn anzumerken ist, dass das Gericht sicher beanstandungslos nach Eingangsdatum der Anmeldungen verfahren ist und alle Medien, auch alle ausländischen, gut beraten waren, ihre Anmeldung frühzeitig dem Gericht mitzuteilen, wird noch nach einer besser zufriedenstellenden Lösung zu suchen sein. Wir möchten dazu eine Anregung unterbreiten, die einem möglichen erweiterten Platzangebot seitens des Gerichts nicht entgegenstehen soll, aber eine kollegiale Ergänzung sein könnte.

Unsere Tageszeitung »neues deutschland« gehört zu jenen, die bei den 50 verfügbaren Presseplätzen berücksichtigt wurde. Das Gericht hat in seiner Information an unseren Korrespondenten mitgeteilt, dass es »zusätzlich zu den Akkreditierungskarten einen auf das jeweilige Medium ausgestellten Ausweis« geben wird. Dies erscheint ja auch sinnvoll, da sicher alle akkreditierten Medien ggf. Vertretungsbedarf - nicht zuletzt im Falle von Erkrankung oder anderer Verhinderung des angemeldeten Korrespondenten - haben. Für dieses Angebot des Gerichts schwebt unserer Zeitung ein Sharing-Modell mit einem türkischen Medium vor, d.h. wir werden uns bemühen, einen Kollegen bzw. eine Kollegin eines türkischen Mediums über unseren Ausweis nachzumelden. Wir hoffen, dass das Gericht im Interesse einer allgemeinen Lösungssuche keinen Einwand gegen diese Überlegung hat.

Ich hielte es für gut, wenn diese Überlegung auch in Ihrem Hause aufgegriffen und gemeinsam gegenüber dem Gericht vertreten werden könnte. Da einige der akkreditierten deutschen Medien ohnehin Partnermedien in der Türkei haben, dürfte dies für manche sogar eine recht einfach zu realisierende Möglichkeit sein, die - das möchte ich noch einmal betonen - einer anderen, weitergehenden Lösung seitens des Gerichts nicht ausweichen soll, sie aber ergänzen und erleichtern könnte.

Über eine positive Resonanz würde ich mich freuen.

Mit kollegialen Grüßen

Tom Strohschneider Chefredakteur neues deutschland

 




Weiterführende Links:
neues deutschland
http://nsuprozess.info/





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