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Themen / [(anti)faschismus]

29.04.2013

Ein wahres Lehrstück


von David Begrich, ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 582 / 19.4.2013

In der öffentlichen Wahrnehmung des NSU dominiert die Täterperspektive. Nicht eines der Bilder der Opfer des NSU ist in den Phasen gestiegenen medialen Interesses auch nur annähernd zu einer solchen Bildikone aufgestiegen, wie es mit jenen von Zschäpe geschah.

Weiterführende Texte:
2. Offener Brief des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus




Es sind die Bilder. Die Wahrnehmung und Einordnung der Aufarbeitung des NSU-Terrors geschieht ganz wesentlich durch Bilder. In den Monaten nach der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) bestimmten die Bilder des Trios Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos die Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Diese Bilder prägen die in der Öffentlichkeit repräsentierten Erzählungen. Detailreich breiteten Medien die Banalitäten und Abgründe des NSU-Trios aus. Der - gerade auch bildliche - Voyeurismus gegenüber Beate Zschäpe oszillierte zwischen grenzenloser Dämonie und verharmlosender Entpolitisierung.

Die Geschichte der Beate Zschäpe wurde gar zur Projektionsfläche für ostdeutsche Opferdiskurse. Die Schriftstellerin Jana Hensel mutmaßte emphatisch, Zschäpes neonazistische Sozialisation ausklammernd, über deren Werdegang: Wenn diese nicht ihre Ausbildung abgebrochen hätte und die gesellschaftlichen Umstände der Nachwendezeit nicht so tiefgreifend gewesen wären, dann hätte es den NSU-Terror vielleicht nicht gegeben ... Ähnlich Einfühlsames war über die Opfer und ihre Angehörigen nur am Tag der Trauerfeier im Berliner Schauspielhaus zu lesen. Danach dominierten Verfassungsschutzskandale und Politikerstatements die mediale Gemengelage zum Thema NSU.

Selbst jene, die sich kritisch mit den rassistischen Stereotypen in der Gesellschaft und der systematischen Kontinuität des Versagens der Behörden auseinandersetzen, bebildern ihre Aufrufe zu Demonstrationen und Kundgebungen mit Fotos des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda. Dass es von vielen Opfern rechten Terrors keine Fotos, schon gar keine bewegten Bilder gibt, hat seinen Grund in jenen Mechanismen der sprichwörtlichen Unsichtbarkeit der Opfer, die mit rassistischen Zuständen einhergeht. In den Mobilisierungsvideos der vergangenen Monate wurden die NazischlägerInnen in der Selbstinszenierung ihrer Allmacht mit der Absicht gezeigt, Menschen zu motivieren, sich zu engagieren. Der Alltag aber beweist: Viel zu oft sind jene, die sich engagieren, mit den Neonazis in ihrer Region alleingelassen.

Es ist die Sprache. Die sehr wirkungsmächtige Rede von der »Zwickauer Zelle« verschleiert anhaltend Ausmaß und Dimension des rechten Terrors. Der Effekt ist eingetreten: Von den weit über hundert UnterstützerInnen des NSU werden sich ganze vier vor Gericht verantworten müssen. Im kommenden Verfahren werden die politischen Kontexte des neonazistischen Terrorjahrzehnts ab 1990 nur dann zur Sprache kommen, wenn sie von den NebenklagevertreterInnen eingebracht werden.

Wenn am 6. Mai der Prozess beginnt, steht Beate Zschäpe wieder im Rampenlicht. Es braucht keine Prophetie, um vorauszusagen dass sich die Berichterstattung über den Prozess nicht nur um die Frage der Täterschaft drehen wird, sondern ganz wesentlich um die biographische und psychische Verfasstheit der mutmaßlichen Täterin. Vorhersehbar sind sowohl die Wiederholungen reportagenhafter Ausflüge in Zschäpes Jenaer Jugend als auch die bisherigen Klischees vom »Betthäschen« und der »Terrorbraut«.

Und die Opfer? Nicht eines der Bilder der Opfer des NSU ist in den Phasen gestiegenen medialen Interesses auch nur annähernd zu einer solchen Bildikone aufgestiegen, wie es mit jenen von Zschäpe geschah. Namen und Gesichter sind nicht präsent. Kaum einem Journalist und kaum einer Journalistin, der oder die sich seit Monaten mit der Causa NSU befasst, sind die Namen und die Lebensgeschichten der Opfer gegenwärtig. Bereits jetzt gibt es ein halbes Dutzend Buchveröffentlichungen zu den NSU-TäterInnen. Über das Leben der Angehörigen der Opfer nach den Morden und den jahrelangen Verdächtigungen gegen sie gibt es bislang eines.

Die gerichtliche Farce um die Vergabe der Sitzplätze im Gerichtssaal und die rechthaberische Selbstgewissheit, mit der diese gegenüber den Einsprüchen türkischer Medien verteidigt wird, sind daher mehr als nur ein Indiz für die gesellschaftliche, behördliche und mediale Blickperspektive auf den NSU-Prozess. Dieser Prozess wird in jedem Falle ein wahres Lehrstück sein, wie in der Bundesrepublik mit rechtem Terror umgegangen wird. Das Gericht ist der Aufführungsort dieses Lehrstückes, die Lehren selbst müssen andernorts gezogen werden.

David Begrich ist in der politischen Bildung tätig und schrieb in ak 581 über den Umgang mit linker Geschichte.




Weiterführende Links:
http://akweb.de/





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