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Themen / [diskurs & debatte]

25.12.2013

"Emanzipation wird erst in der Praxis denkbar"


Interview: Jeanette Ehrmann und Vanessa ­eileen Thompson

Emanzipatorische Wissensproduktion ist vor allem ein kollektiver Prozess, der aus der Verbindung von Aktivismus und Wissenschaft entspringt. Angela Davis, Philosophin und radikale Gefängniskritikerin, im Interview

Angela Davis ist emeritierte Professorin der University of California, Santa Cruz, und eine Wegbereiterin der kritischen Analyse von ineinandergreifenden Formen sozialer Ungleichheit entlang von race, class und gender. Sie studierte bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse und war in der Schwarzen Befreiungsbewegung aktiv. Weltweit bekannt wurde sie als politische Gefangene und als radikale Gefängniskritikerin. Anlässlich der Einrichtung einer nach ihr benannten Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies an der Goethe-Universität Frankfurt sprach die Jungle World mit ihr über den Prison Industrial Complex (in etwa »gefängnisindustrieller Komplex«), Feminismus und die Möglichkeiten von Diversity als machtkritischem Analyserahmen.

In den deutschen Medien werden Sie als Gendertheoretikerin und Bürgerrechtsaktivistin beschrieben. Finden Sie diese Beschreibung treffend oder würden Sie sich heute immer noch als Black Woman Revolutionary positionieren?

Ich würde sagen, dass Revolution auch heute noch eine politische Möglichkeit ist, aber ich fände es selbstgefällig, mich selbst als Revolutionärin zu bezeichnen. Als Black Woman Revolutionary habe ich mich in den achtziger Jahren bezeichnet, als ich gefragt wurde, ob ich eine Feministin sei. Die Charakterisierung als Bürgerrechtsaktivistin ist nicht unproblematisch, da sie häufig die Radikalität der sozialen Kämpfe entschärft und sie Machtstrukturen einverleibt. Es hat mich erstaunt, dass Nelson Mandela in der Berichterstattung über seinen Tod als Bürgerrechtsaktivist beschrieben wurde, als ob der Kampf gegen die Apartheid ein rein rechtlicher gewesen sei. Ich setze mich zwar für die Rechte von illegalisierten Migrantinnen und Migranten, Gefängnisinsassen und LGBTQ ein, verorte mich aber selbst in der Kontinuität der Black Radical Tradition, die Emanzipation über den rechtlichen Rahmen hinaus denkt. Das Label Bürgerrechtsaktivistin kann ich zwar akzeptieren, aber ich finde es wichtig, sich politisch konkret zu positionieren und verstehe mich daher vor allem als Abolitionistin.

Als Abolitionistin argumentieren Sie, dass der US-amerikanische Prison Industrial Complex eine moderne Form der Versklavung sei. Wo sehen Sie die Kontinuität?

Der Prison Industrial Complex steht für die globale Verbreitung von Gefängnis- und Bestrafungstechnologien, die aus den ehemaligen Sklavereigesellschaften der US-Südstaaten stammen. Dort sieht man heute Gefängnisinsassen auf Baumwollfeldern arbeiten. Man fühlt sich fast zurückversetzt in die Zeit der Sklaverei. Diese extrem repressive Form der Bestrafung, die eine direkte Folge des Bestrafungs- und Gewaltregimes der Südstaaten-Plantage ist und noch nicht einmal den Anspruch auf Resozialisierung erhebt, wird in den meisten Darstellungen der Geschichte des Gefängnisses, so auch bei Michel Foucault, ausgeblendet. Durch den Fokus auf Gefängnisse im Nordosten der USA verschwindet der Zusammenhang zwischen den rassistischen Bestrafungstechnologien der Sklaverei und heutigen Formen von Strafe. Im Übergang von der Sklaverei zur Demokratie wurden Bürgerrechte erteilt, die durch den Prison Industrial Complex systematisch wieder zurückgenommen werden. Aus dem sozialen Tod der Versklavten wird in der modernen Demokratie der rechtliche Tod der Gefangenen. Der Zweck der Inhaftierung ist das Wegschließen, Zurichten und Verwalten von Körpern. Heute betrifft das diejenigen, die nach dem Wegfall staatlicher Investitionen in Bildung und sozialstaatlicher Leistungen nicht in ein neoliberales Arbeitsregime integrierbar sind und das sind, vor allem Arme und People of Color in den USA, Europa und im globalen Süden.

Lässt sich der Prison Industrial Complex als Analyserahmen auch auf Formen von Rassismus in Europa anwenden, wie etwa Racial Profiling, Residenzpflicht und Lager, das europäische Grenzregime und Abschiebegefängnisse? Oder artikuliert sich der Prison Industrial Complex hier anders?

Zuallererst ist es wichtig, den Zusammenhang von Versklavung und Kolonialismus sichtbar zu machen. Vor dem Hintergrund der Kontinuität der Versklavung und des Prison Industrial Complex lassen sich dann auch die Verbindungslinien von europäischem Kolonialismus zu diesem ziehen. Ich habe mich in Frankfurt am Main mit Aktivistinnen und Aktivisten of Color getroffen, die mir von aktuellen Fällen rassistischer Polizeigewalt berichtet haben, und ich bin erschüttert über die Ähnlichkeiten. Trayvon Martin und Oscar Grant sind nur die Spitze des Eisbergs in den USA. In Deutschland wurde Christy Schwundeck 2011 in einem Jobcenter in Frankfurt am Main von der Polizei erschossen. Oury Jalloh ist 2005 in Dessau in Polizeihaft, gefesselt an Händen und Füßen, unter bislang ungeklärten Umständen verbrannt. Die Kontinuitäten lassen sich auch über die Genealogien der Kämpfe gegen Versklavung und kolonial-rassistische Unterdrückung verstehen, in denen sich die aktuellen Initiativen in Deutschland verorten.

Feministinnen haben lange dafür gekämpft, dass sexualisierte Gewalt beziehungsweise Gewalt gegen Frauen als Straftatbestand gilt. Wie lässt sich eine feministisch-abolitionistische Perspektive ohne Strafe und Gefängnis denken? Wäre der Ansatz der Restorative Justice, bei dem es als Alternative zur staatlichen Strafjustiz vor allem um die Suche nach gemeinsamen Lösungen für Konflikte geht, eine denkbare feministische Option?

Das Verhältnis zwischen Abolitionismus und Frauenbewegung war schon immer reich an Spannungen und diese haben sich genau an der Frage der Kriminalisierung von Gewalt gegen Frauen entzündet. Es ist verständlich, dass der erste Impuls ist, die Täter zu bestrafen, weil wir noch keine Vorstellung davon haben, wie der Täter anders zur Rechenschaft gezogen werden kann. Beth Ritchie zeigt in ihrem Buch »Arrested Justice. Black Women, Violence, and America’s Prison Nation« auf, dass die Anti-Gewalt-Bewegungen des Mainstream immer mit einer rassifizierten Gefängnis­praxis kollaborierten. Die Frage ist also: Wie geht man mit dieser global am weitesten verbreiteten Form von Gewalt um? Und ich glaube, dass es andere, kreativere Wege als die Bestrafung gibt. Radikale Feministinnen sind in der Lage, diese anderen Wege der Gerechtigkeit zu imaginieren. Restorative Justice ist ein Prozess, in dem nicht nur Täter und Opfer einer Straftat zusammengebracht werden, sondern die Partnerinnen und Partner, die ganze Familie, die Community. Hier geht es nicht nur um Bestrafung, sondern um Verantwortung und darum, soziale Beziehungen wiederherzustellen. An diesem Ansatz arbeitet Incite!, eine radikalfeministische Orga­nisation von Women of Color in den USA, die versucht, alternative und kreative Formen des Umgangs mit Gewalt zu entwickeln. Im Moment stehen wir aber noch ganz am Anfang dieses Umdenkens.

Sie hatten während Ihrer Studienjahre in Frankfurt die Möglichkeit, bei Adorno zu promovieren. Stattdessen gingen Sie in die USA zurück, um sich in der Schwarzen Befreiungsbewegung zu engagieren. Welche Bedeutung hat Theorie in politischer Praxis?

Mein Studium der Kritischen Theorie war intellektuell sehr inspirierend und hat meine späteren Arbeiten zum Zusammenwirken von race, class und gender – was ich als »Triple Oppression« bezeichnet habe – nachhaltig beeinflusst. Meine Entscheidung, in die USA zurückzugehen und mich der Schwarzen Befreiungsbewegung anzuschließen, hatte auch mit meinem Verständnis von Theorie und Praxis zu tun. Ohne Adorno vereinfachen zu wollen, unterscheide ich mich insofern von ihm, als ich der Praxis einen eigenen epistemologischen Wert beimesse, der auf die Theorie rückwirkt. Manche Dinge können erst in der Praxis denkbar gemacht werden. Emanzipatorische Wissensproduktion ist vor allem ein kollektiver Prozess, der aus der Verbindung von Aktivismus und Wissenschaft entspringt.

Anlässlich der Schaffung der Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies sind Sie an die Goethe-Universität Frankfurt zurückgekehrt. Wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass Gender und Diversity auch als markttaugliche Konzepte in eine neoliberale Logik einverleibt werden können?

Wir dürfen Konzepte nie für selbstverständlich nehmen. Konzepte sind Werkzeuge, die wir genauso wie unsere Objekte immer wieder neu bestimmen müssen. Es gab historisch immer Kämpfe darum, wer unter die Kategorie »Frau« fällt. So ist das Konzept der Intersektionalität in einem spezifisch historischen Moment entwickelt worden, um die Interdependenzen von gender, race und class denken zu können. Mit dem Diversity-Konzept findet nicht nur eine begriffliche, sondern auch eine politische Verschiebung statt, die die Radikalität feministischer Politiken im Hinblick auf die Vielfältigkeit der Kämpfe um soziale Gerechtigkeit aushebeln kann. Diese Widersprüche müssen wir immer mitdenken, ohne sie auf eine Seite hin aufzulösen.




Weiterführende Links:
Jungle world - Die linke Wochenzeitung





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