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18.01.2014

Wo bleiben die Utopien?


von Florian Schmid, Neues Deutschland 18.1.2014

Flucht in die Zukunft. - Was kann es in schlechten Zeiten schöneres geben als eine Welt widerständiger Akteure, die den Aufstand proben oder schon herrschaftsfrei leben. Science-Fiction eröffnet uns ein sozialistisches Utopia.


Quelle: sxc.hu/ Zakeros
Quelle: sxc.hu/ Zakeros

Science-Fiction boomt derzeit. Ob das Genre deshalb in Krisenzeiten so gut funktioniert, weil die fantastische Literatur den Leser »ein Stück weit aus der Malaise der Gegenwart hinaustransportiert«, wie Sascha Mamczak, Science-Fiction-Cheflektor von Heyne in einem Interview vermutete, oder ob Science-Fiction der geeignete Ort ist, um Krisenlösungsstrategien und Zukunftsentwürfe fiktional durchzudeklinieren, sei dahingestellt. Folgt man einer politischen Lesart, ist das, was derzeit breitenwirksam in Hollywood-Produktionen durchexerziert wird, beunruhigend. Im neuen Star-Trek arbeiten sich hippe Jungs an männlicher Pflichterfüllung und dem Anti-Terrorkampf ab, während das 9/11-Motiv bildmächtig ins Enterprise-Universum eingeschrieben wird. In »After Earth« wird das Überleben in der Apokalypse durch eine autoritäre Vater-Sohn-Beziehung gemeistert. Und in »World War Z« wird das gesellschaftskritische Zombie-Genre zum reaktionären Krisenbewältigungsszenario umgeschrieben. Der globale Aufstand wird im Titel gebenden Weltkriegsmodus bekämpft und Soldaten schießen massenhaft auf Zivilisten. Es geht aber in Hollywood seit Neuestem auch anders.

Im zweiten Teil der verfilmten Jugendbuch-Trilogie »Die Tribute von Panem« bringt das junge Working-Class-Girl Katniss Everdeen als emblematisch-widerständige Figur ein autoritär-kapitalistisches System durch einen Aufstand ins Wanken. In einer aus einem Urwald bestehenden Arena müssen sie und 23 andere bis zum Tod kämpfen. Statt sich in der wettbewerbsbasierten Hackordnung selbst zu verwirklichen, setzt die junge Heldin auf subalterne Klassensolidarität. »Vergiss nicht, wer der wahre Feind ist!« wird zum Motto der kämpfenden Gladiatoren bis schließlich die Arena und mit ihr das ganze Spektakel der Herrschaftssicherung zum Einsturz gebracht wird. »Das ist die Revolution!« heißt es am Ende des Films. Occupy-Aktivisten in den USA berufen sich auf »Die Tribute von Panem« und sehen darin eine Parabel auf den Kampf um sozialen Ausgleich. Der viel zitierte »Aufstand«, der schon feuilletonistische Debatten auslöste, ist ein zentraler Begriff in »Die Tribute von Panem«. In Zeiten sich verstetigender Krisenproteste von Sao Paulo bis Oakland gibt es nun auch den Aufstand in der sozialkritischen Jugendbuchreihe inklusive Blockbusterverfilmung.

Angesichts der kapitalistischen Krise und weltweiter Proteste steht aber auch die Frage im Raum: Wo bleiben bei aller Kritik am Bestehenden die utopischen Entwürfe für eine Gesellschaft jenseits kapitalistischer Wertschöpfung? Oder gibt es womöglich trotz weltweiter Proteste gar keine? Am pointiertesten brachte das unlängst ein Buchtitel der Berliner Jour-Fixe-Initiative auf den Punkt: »etwas fehlt: Utopie, Kritik und Glücksversprechen«. Utopische Fiktionen bietet der Band nicht, der vor allem philosophie-, sozial- und bewegungsgeschichtlich dem Thema Utopie nachspürt. »Utopien schießen über realistische Ziele hinaus. Sie sprengen das Kontinuum der geschichtlichen Zeit«, heißt es im Vorwort. Die »großen Erzählungen« als gesellschaftspolitische Gegenentwürfe scheint es im neoliberalen Hegemonie-Regime nicht mehr zu geben. Nur wäre jetzt nicht gerade der richtige Zeitpunkt, um dem Diktum von Francis Fukuyamas »Ende der Geschichte« eine lange Nase zu drehen und in fiktionalen Diskursen zumindest die Optionen anderer Gesellschaftsentwürfe auszuloten?

Denn Science-Fiction-Erzählungen sind auch immer Aushandlungsorte, um utopische Ideen auf ihre Möglichkeiten und Grenzen hin zu untersuchen und in den kollektiven kulturellen und politischen Kanon einzuschreiben. Laut Utopie-Forscher Richard Saage muss Science-Fiction stets im Kontext der sozialpolitischen Entstehung gelesen werden und ist nicht selten eine Reaktion auf Krisen. Der amerikanische Star der Science-Fiction-Theorie Darko Suvin betonte schon in den 60ern, dass Science-Fiction-Narrative vor allem in sozialpolitisch dynamischen Zeitenabschnitten entstehen. Greift man in die Kiste der Science-Fiction- und Utopie-Geschichte, fallen zwei interessante Abschnitte auf, in denen jeweils die sozialen und politischen Debatten der Zeit widergespiegelt und in fiktionalen Diskursen aufgearbeitet wurden. Als Edward Bellamy 1887 seinen utopischen Roman »Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887« veröffentliche, hätte niemand gedacht, welche Breitenwirkung die Geschichte des Chicagoers Julian West haben würde, der 113 Jahre lang schläft und im Jahr 2000 erwacht. Bellamys »Rückblick« entwirft ein sozialistisches Utopia, in dem alle sozialen Probleme vom Ende des 19. Jahrhunderts gelöst sind.

Die Utopie, geschrieben zur Zeit der US-anarchistischen Arbeiterkämpfe bietet zwar eine zum Teil sehr unkritische Verherrlichung einer staatsmonopolistischen Wirtschaftsordnung, auch vom zeitgenössischen Anarchismus grenzt sich der manifestartige Roman radikal ab. Interessant ist aber die Rezeptionsgeschichte des Buches, das sich in den USA in zwei Jahren mehr als 200 000 Mal verkaufte, in 20 Sprachen übersetzt wurde, mehr als drei Millionen Leser weltweit fand, zur Gründung von über 150 Bellamy-Clubs in den USA und sogar einer Partei führte. Der Roman löste einen regelrechten Boom aus und in den zwei Jahren nach seiner Veröffentlichung erschienen fast 200 utopische Science-Fiction-Romane, von denen einige direkt Bezug auf Bellamy nahmen und seine Thesen kritisch diskutierten. In der Bellamy-Rezeptionsforschung wird gar vermutet, dass Roosevelt, der den »Rückblick« gelesen hat, in seiner keynesianischen Politik des »New Deal« davon mit beeinflusst wurde.

Eine weniger breite Rezeption, aber ebenfalls Übersetzungen in zahlreiche Sprachen und weltweit hohe Auflagen erlebten eine Reihe anarchistisch-feministischer Science-Fiction-Romane, die Mitte der 70er erschienen. Emblematisch dafür steht Ursula K. Le Guins »Die Enteigneten« (früher: »Planet der Habenichtse«), eine der wenigen literarischen anarchistischen Utopien, die es überhaupt gibt. Le Guin erzählt darin die Geschichte eines Mondes, auf den Anarchisten nach einer verlorenen Revolution auswandern. Nach Jahrzehnten strikter Trennung reist ein Wissenschaftler von dem anarchistischen Mond zur kapitalistischen Heimatwelt, weil nur dort seine bahnbrechenden Forschungen zu intergalaktischer Kommunikation gefördert werden. Anfangs begeistert vom Luxus und dem vermeintlich liberalen Leben, kehrt er nach einem blutig niedergeschlagenen Aufstand in die von wirtschaftlichem Mangel gekennzeichnete anarchistische Gesellschaft zurück.

Le Guins utopischer Entwurf fällt ebenso detailliert wie kritisch aus. Die Perspektive des Individuums innerhalb des Kollektivs rückt dabei in den Vordergrund, gleichzeitig geht die anarchistische Freiheit mit materiellem Mangel einher, dessen Bewältigung immer wieder neue gesellschaftliche Aushandlungen erfordert. So zeigt sie, wie sich auch in einer libertären Gesellschaft autoritäre Strukturen und persönliche Missgunst herausbilden. »Die Enteigneten« bricht insofern mit den modernen Utopien, die schablonenartig perfekte Welten projizieren. »Die utopische Einbildungskraft (ist) in eine Falle geraten (…), wie der Kapitalismus, der Industrialismus und die menschliche Bevölkerung, in die Falle einer Einbahn-Zukunft, die nur noch aus Wachstum besteht«, so Le Guin später. Sie schreibt nicht über die perfekten Menschen der Zukunft, wie sie im sowjetischen Science-Fiction etwa von Iwan Jefremow in »Andromedanebel« (früher: »Das Mädchen aus dem All«) entworfen werden, sondern es geht um Utopien im Sinn von »Planen, ein Entwurf, ein Plan, ein ›wenn wir dies täten, dann wäre es gut‹«. Utopien fungieren hier als Räume ergebnisoffener Aushandlungen oder, wenn man so will, als kritische Diskussionsplattformen.

Neu ist auch in den Utopien der Post-68er, dass es ein kapitalistisches Außen gibt, mit dem die utopische Gesellschaft interagiert. Bei Le Guin fördert der anarchistische Mond für den kapitalistischen Nachbarplaneten Rohstoffe, ist also ökonomisch von ihm abhängig. In Marge Piercys »Frau am Abgrund der Zeit« (1976) pendelt eine zwangspsychiatrisierte Frau zwischen einer Klinik, wo an ihr ein gehirnchirurgischer Eingriff vorgenommen werden soll, und einer fantastischen Zukunft hin und her. In der anarchistisch-feministischen Utopie müssen die Bewohner immer wieder gegen Kapitalisten kämpfen, die aber an den Rand gedrängt wurden und nur noch Rückzugsorte in der Polarregion haben. Eine zur Gänze utopisch bessere Welt wie in Bellamys industrialisiertem Yankeesozialismus oder in Jefremows globalem Kommunismus Anfang des vierten Jahrtausends gibt es hier nicht. Die kapitalistische Wirklichkeit ist Teil eines nicht konfliktfreien Utopia, in dem um politische und soziale Fragen immer noch gestritten werden muss und vor allem kann.

Spätestens mit dem konservativen Rollback der 80er Jahre und dem Ende der staatssozialistischen Gesellschaften 1990 dominieren dystopische Erzählungen die linke Science-Fiction-Literatur. Paradigmatisch ist diese Entwicklung an Marge Piercy abzulesen. In »Er, sie und es« (1990) kämpft in einer hyperkapitalistischen, durch Atomschläge und Umweltkatastrophen verwüsteten Welt eine anarchistisch-jüdische Stadtgemeinde gegen übermächtige Konzerne. Dieser Kampf und die am Ende des Romans quasi als Ausblick beginnende basisgewerkschaftliche Organisierung in den riesigen Slums setzen den Widerstand als das eigentlich utopische Element in Szene. Auch in den Romanen des Londoner trotzkistischen Fantasy-Science-Fiction-Stars China Mieville wird ein kapitalistisches totalitäres System von frei assoziierten Anarchisten bekämpft. Vor allem in dem 2004 erschienenen und von den großen Gipfelprotesten der globalisierungskritischen Bewegung inspirierten Roman »Der eiserne Rat« wird der Aufstand gegen ein autoritäres System zentrales Element der Erzählung. Ganz ähnlich ist das auch in Dietmar Daths Ende 2012 erschienenem komplexen Weltraumepos »Pulsarnacht«. Dort organisiert sich die in früheren Kämpfen besiegte Rebellenarmee, um gegen ein interstellares Imperium in den Kampf zu ziehen. Wenn Dath auch die Widersprüchlichkeit politischer Machtkonstellationen in ein komplexes Erzählsujet gießt, geht es in erster Linie um die Kritik am Bestehenden in Form widerständiger Praktiken. Nur, wo bleibt das utopische Element jenseits einer immer wieder reproduzierten Ästhetik des Aufstands?

In »Die Tribute von Panem« findet sich zu Beginn des ersten Teils eine interessante Schlüsselszene. Die junge Heldin Katniss Everdeen schlüpft durch einen Zaun in den Wald, wo sie jagen geht. Dieses subsistenzwirtschaftliche Vorgehen ist in der autoritären Zukunftswelt ebenso verboten wie einst im mittelalterlichen Sherwood Forest. Ganz im Stil eines futuristischen Robin Hood wird der Jagdbogen Katniss Markenzeichen. Sie setzt sich über die Einhegung hinweg und nutzt den Wald als Allmende oder Common, wie Gemeingüter heute in linken Theoriedebatten bezeichnet werden. Hier wird dem autoritären Verwertungsregime ganz praktisch ein Stück Territorium abgerungen. Dieser Freiraum verweist auf einen wichtigen Aspekt aktueller widerständiger Praktiken. Die Debatten über die Commons weisen einen möglichen Weg in eine herrschaftsfreie Selbstorganisation, um den Reproduktionsbereich, die direkten Lebensumstände der Menschen, der kapitalistischen Logik sukzessive zu entziehen. Silvia Federici bezeichnet diesen Kampf um die Reproduktion als den »Ground Zero der Revolution«. In dem Band »etwas fehlt: Utopie, Kritik und Glücksversprechen« wird in einem Text ein mögliches Szenario entworfen, in dem soziale Netzwerke eine Chance für alternatives Wirtschaften im Stil einer »commons based peer production« sind, die zum einen eine bedürfnisorientierte Produktion von Gütern ermöglicht und zum anderen neue soziale Verbindungslinien entstehen lässt.

Dort heißt es auch, wir stehen »in einer Tradition utopischer Potenzialitäten, die unabgegolten auf ihre Realisierung warten.« Ob Science-Fiction hier wirksam werden kann und sich wieder utopischer Perspektiven bedient oder lediglich zur Rationalisierung der Kontrollgesellschaft fungiert, muss sich noch erweisen. 2016 wird das 500-jährige Jubiläum von Thomas Morus »Utopia« zwangsläufig zu einer feuilletonistischen Beschäftigung mit dem Begriff führen. Und im Zuge der für die nächsten Jahre geplanten Missionen zum Mars dürfte ein weitergehender Science-Fiction-Boom ganz ähnlich wie nach der Mondlandung 1969 erst noch bevorstehen. Insofern gilt es, sich von linker Seite mit dem emanzipatorischen und utopischen Potenzial von Science-Fiction auseinanderzusetzen.




Weiterführende Links:
Neues Deutschland - Die sozialistische Tageszeitung





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