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14.02.2014

Ecstasy- statt Zigarettenautomaten!


Von Fabian Köhler, Neues Deutschland vom 12.2.2014

ND-Redakteur Fabian Köhler über guten und schlechten Stoff und eine Drogenpolitik, die tödlich ist

Ich bin drogenabhängig. Den Stoff nehme ich nach dem Aufstehen, während der Arbeit, vor dem Zubettgehen, eigentlich immer. Das Zeug senkt den Sauerstoffgehalt in meinem Blut, nimmt mir den Appetit, lässt mein Herz rasen. Die Statistik spricht von einer zehn Jahre kürzeren Lebenserwartung. In der Praxis werden irgendwann meine Knochen schneller brechen, mein Zahnfleisch verfaulen, vielleicht werde ich erblinden. Wahrscheinlich rafft mich aber vorher Mundhöhlen-, Kehlkopf-, Speiseröhren-, Nieren-, Blasen- oder Lungenkrebs qualvoll dahin.

Ich bin tabaksüchtig. 17 Jahre ist es her, als mir mein Freund Robert Suszinski hinter der Turnhalle die erste Fluppe angeboten hat. »Aber nur dort«, sagte Sozialkundelehrerin Schröder mahnend. Auch als ein Jahr später die ersten Tüten hinzu kamen, drückte sie ein Auge zu. Als die Lehrerin die bunten Pillen entdeckte, war Schluss - nicht für mich, sondern für Robert. Er flog von der Schule.

Immer wieder wird in Deutschland und anderswo über die Legalisierung von Drogen diskutiert. Davon, dass weitaus mehr Menschen durch Tabak und Alkohol sterben (rund 200 000) als durch illegale Drogen (944 in 2012), sprechen Befürworter. »Lieber eine Droge weniger« lautet das Credo der Gegner einer Legalisierung und damals das Motto von Frau Schröders Drogenunterricht. Die Klassenfahrten erlebten wir dennoch im Vollsuff.

In Wahrheit hängen beide Todeszahlen zusammen: Alkohol und Tabak sind ausgerechnet zwei der härtesten Drogen, zu denen Menschen täglich greifen. Weil sie keinen Zugang zu besseren Rauschmitteln haben und weil sie gelernt haben, dass das »Bierchen« zum Feierabend dazugehöre, während man mit der bunten Pille auf der Party schon halb an der Fixernadel hänge. Dass viele illegale Drogen weitaus weniger süchtig machen, viel weniger gesundheitsschädlich sind und gleichzeitig einen viel angenehmeren und besser kontrollierbaren Rausch garantieren als das Nervengift Alkohol, hat Frau Schröder damals nicht erzählt. Dass es an jeder Tankstelle für zehn Euro den Stoff zum Komasaufen gibt, während die Polizei wegen einer Tüte Gras in Mannschaftsstärke anrückt, wussten wir ohnehin selbst.

Menschen wollen sich berauschen - warum auch immer. Solange das so ist, führt in der Praxis weniger Drogenvielfalt eben nicht zu weniger Rauschmittelkonsum. Das gilt für den Partygänger, der sich aus Mangel an Speed doch das wesentlich gefährlichere Crystal Meth aufschwatzen lässt. Das gilt vor allem aber für die Millionen Menschen, die ihr »Weinchen« im Kino und ihr »Sektchen« zum Anstoßen auf einer Feier nicht als Drogenkonsum, sondern als Kulturgut begreifen. Weil ihnen nie jemand erzählt hat, dass es mit MDMA eine wesentlich gesündere Alternative gibt - frei von Kotzen, Kater, Kneipenschlägerei und körperlicher Abhängigkeit. Weniger Menschen würden jedes Jahr sterben, würden in Clubs Zigarettenautomaten auf Ecstasy umgerüstet, würden an Bars Joints statt dutzender Mischungen von hochprozentigem Ethanol verkauft werden.

Dass dies nicht die drogeninduzierten Hirngespinste dauerbekiffter Junkies sind, haben Forscher unter anderem in der Medizinfachzeitschrift »The Lancet« vor vier Jahren veröffentlicht: In der Studie verglichen sie die Schädlichkeit der 20 verbreitetsten Drogen. Auf Platz eins und noch deutlich vor Crack und Heroin: Alkohol. Vermeintlich »harte Drogen« wie LSD und Ecstasy stehen weit am Ende der Liste. Selbst Amphetamine, GHB (KO-Tropfen oder Liquid-Ecstasy) und sogar das ursprünglich als Pferdenarkosemittel auf den Markt gebrachte Ketamin ist demnach für Konsument und dessen Mitmenschen deutlich verträglicher als Tabak.

Und noch eine Sache zeigt die Untersuchung: Auch die momentane Diskussion über die Legalisierung von Cannabis dürfte weniger mit dessen vermeintlicher Harmlosigkeit zu tun haben als mit den Konsumgewohnheiten seiner Befürworter. Warum die Legalisierung dennoch zu unterstützen ist, zeigt das Beispiel Colorado. Das durch eine Cannabissteuer eingenommene Geld steckt der US-Bundesstaat in die Weiterbildung von Menschen wie Frau Schröder und die Drogenerziehung an Schulen.

Für Robert kommt dies allerdings zu spät. Er hat es allein geschafft und ist im Gegensatz zu mir längst von der »harten Droge« Tabak losgekommen. Nur diese bunten Pillen nimmt er manchmal noch. Sein Glück: Statistisch wird er mich überleben.




Weiterführende Links:
Neues Deutschland - Die sozialistische Tageszeitung





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