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Themen / [krassomat]

25.10.2014

»Hier ist alles falsch«


Thomas Ebermann und Robert Stadlober über die 
Sehnsucht nach mürrischen Postbeamten, die Furcht 
vor dem Schlaraffenland, die Verzwergung des Protests und die Philosophie Herbert Marcuses


Quelle: der-eindimensionale-mensch.com
Quelle: der-eindimensionale-mensch.com

Herbert Marcuses Werke wurden in den 60er, 70er Jahren gelesen. Außer in linken Zirkeln ist sein Name nicht mehr bekannt. Wie kommt man dazu, Herbert Marcuse wieder auszugraben und sein Denken auf die Bühne zu bringen?

Robert Stadlober: Unter anderem deswegen, oder?

Thomas Ebermann: Ich habe wohl keinen Autor häufiger zitiert als Herbert Marcuse. In wie vielen Krisendebatten habe ich gesessen und die Sehnsucht gespürt - nicht nur gespürt, sondern intellektuell nachvollzogen -, dass es nochmal so reguliert zugehen möge, so ohne Leiharbeiter, so mit tariflich gesicherten Arbeitsbedingungen, wie, sagen wir, in der Zeit von Helmut Schmidt! Wahlweise Ludwig Erhard. Jedenfalls wie in der Zeit des Wirtschaftswunders, in der Zeit vor dem, was man jetzt oft fälschlicherweise Neoliberalismus nennt. Dabei sind auch in dieser Zeit die Menschen ums ganze Leben betrogen worden. Das Wort von der »Hölle im Überfluss« ist für mich keine Phrase: Die Momente von Grausamkeit, die durch die Verhältnisse erzeugt werden, der Verlust von Sprache, der durch die Verhältnisse erzeugt wird! Marcuse beschreibt ja die Zeit des Wirtschaftswunders, des florierenden Keynesianismus, des Wohlfahrtstaats, wie immer wir das nennen wollen. Aber Leute, es war die Hölle! Und wenn eure Sehnsucht nicht darüber hinausgeht, dann wollt ihr echt zu wenig. Insofern ist Marcuse für mich ein aktueller Autor.

Thomas Ebermann, geb. 1951 in Hamburg, arbeitet als Publizist und Bühnenautor und ist seit vielen Jahren Mentor der linken Szene. In den 70er Jahren engagierte er sich im Kommunistischen Bund. Er war Mitbegründer der Grünen und in den 80er Jahren zeitweise deren Fraktionssprecher im Bundestag. 1990 verließ er gemeinsam mit anderen die Partei und wechselte zurück zur außerparlamentarischen radikalen Linken, die er seither mit satirischen Lesungen daran erinnert, dass ohne Humor die Revolution trostlos sein wird.
2012 brachte er mit Robert Stadlober und anderen sein komisches kapitalismuskritisches Theaterstück »Der Firmenhymnenhandel« auf die Bühne.

Robert Stadlober, geb. 1982 in Friesach (Österreich), aufgewachsen in Berlin, arbeitet als Schauspieler, Sänger und Musiker und engagiert sich in der radikalen Linken. Zuletzt war er in Volker Schlöndorffs Kinofilm »Diplomatie« zu sehen, wo er einen Nazi-Offizier verkörpert. In einem Interview äußerte er sich einmal wie folgt: »Dass es uns so dreckig geht, liegt ja recht offensichtlich am Kapitalismus. Leider steht die Revolution aber auch nicht gerade vor der Tür. Mir wär’s zwar recht, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob die Kreuzung, an der wir hätten abbiegen müssen, nicht schon weit hinter uns liegt. Ich glaube nicht, dass ’ne Marktwirtschaft fähig ist, eine solidarische Gesellschaft zu schaffen.«

Ist nicht viel von dem, was Marcuse in »Der eindimensionale Mensch« analysiert hat, schlimmer geworden? Wenn ich an die Massenmedien denke, das Privatfernsehen, die Arbeitswelt. Kann man sein Werk heute noch so lesen wie damals?
Stadlober: Genauso nicht. Das Absurde, das Faszinierende daran ist, dass man vieles in dem Buch zeitaktuell lesen kann, dass man wirklich alle drei Seiten denkt, er habe es erst gestern geschrieben. Ich denke, es hat sich tatsächlich einfach nichts zum Besseren geändert.

Ebermann: Freunde und Kollegen, die wir um einen Beitrag für unser Programmheft gebeten haben, schreiben sinngemäß, dass Marcuse seherische Fähigkeiten gehabt habe. Ein Beispiel: Er behauptet, dem Menschen sei es technologisch unmöglich, überhaupt zur Ruhe zu kommen, sie zu genießen. Der Mensch habe auch Angst vor Muße. Und seine Beispiele dafür waren das Fernsehen und das Radio! Was für ein anderes Umzingeltsein kennen wir heute!

Stadlober: Damals gab es Reklameschilder, Anzeigen, vielleicht Werbespots im Kino und im Fernsehen. Aber die subtile Form von Werbung, wie sie uns heute in jeglicher Lebensrealität umgibt, gab’s damals noch nicht. Marcuse hat sie vorhergesehen.

Ebermann: Er beschreibt etwa auch schon den Zwang zum positiven Denken und zum Gut-drauf-Sein, der in die Menschen einwandert. Die Verpflichtung auf das glückliche Bewusstsein, die Verpflichtung, alles Elend zu ignorieren, nach vorne zu schauen. Gemessen an der Zeit, in der er das schreibt, ist all das unfassbar eskaliert. Zu der Zeit, als Marcuse geschrieben hat, konnte man noch schlecht gelaunt zur Arbeit gehen, wenn man sein Pensum schaffte.

Stadlober: Du durftest auch als Intellektueller schlecht gelaunt im Fernsehen rumsitzen.

Ebermann: Es gab noch nicht die Verpflichtung, stets mit Haut und Haaren bei der Sache zu sein, gut drauf zu sein, zu behaupten, dass man sich gerade verwirklicht, wenn man die elendeste Lohnarbeit erledigt. Die Postbeamten aus der alten Zeit, diese mürrischen Typen, die noch nicht durch Schulungen gegangen sind, um der Kundschaft gefallen zu müssen, die will ich wieder haben.

Stadlober: Marcuse hat eine Durchideologisierung von allen Lebensbereichen vorausgeahnt. Aber dass die so zur Realität werden würde, hätte er sich auch in den schlimmsten Träumen nicht ausmalen können.

Heute sind die Leute ja praktisch auch noch beschäftigt, wenn sie Freizeit haben. Zum Beispiel müssen sie dann noch ihre Mails und Accounts checken.
Stadlober: Da muss man ein bisschen aufpassen. Man tappt sehr schnell in die Falle rein, dass man kulturpessimistisch sagt, »das Internet ist böse« oder »Technik ist Irrsinn«. Das sagt Marcuse nicht. In seinen späteren Schriften gibt es eine fast science-fiction-artige Passage, wo er über die Ideologie des Todes nachdenkt und zu der Erkenntnis kommt: Wenn es technisch möglich sein könnte - und das wird durch die Produktivkräfte irgendwann möglich sein -, den Tod so weit hinauszuzögern, dass er als Ende des Lebens keine Angst einflößende Instanz mehr ist, dann wäre entweder ein vollkommen befreites Leben möglich oder jeder würde sich über das Leid oder die Last in seinem Leben so sehr bewusst werden, dass es zu einem Massensuizid kommen würde. Er hofft natürlich, dass ersteres eintritt. Marcuse war der Meinung, dass Technik dazugehört, um eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Er ist alles andere als ein Feind der Technik. Es kann nicht darum gehen zu sagen: Smartphones sind scheiße. In einer freien Gesellschaft, wie Marcuse sie sich vorstellt, würde es eher darum gehen, was für Smartphones wir hätten. Es wären andere Smartphones. Aber die Technik an sich zu verteufeln, ist der falsche Weg. So wie es ja auch im Internet darum geht, wer die Inhalte generiert.

Auch ein anderes Fernsehen wäre ja denkbar.
Stadlober: Auch andere soziale Netzwerke, wenn sie nicht von einem Markt bestimmt sind. Wie großartig wäre das, wenn man mit der ganzen Welt nicht unter Marktvoraussetzungen kommunizieren könnte.

Ebermann: Marcuse versucht etwas zu entschlüsseln: Dadurch, dass alles Ware wird, spiegeln sich die Menschen in den Waren. Der Satz »Sie besitzen kein Auto, sondern sie sind ihr Auto« ist zum Verständnis von Marcuse wichtig. Es könnte auch die Küchenmaschine sein oder die Küchenzeile, die zur Bildung der eigenen Identität eine große Rolle spielen. Wenn irgendwelche Deppen über Konsumkritik schwatzen, wird Marcuse heute manchmal als asketisch dargestellt, dabei ist das Gegenteil der Fall. Marcuse reflektiert, ob der Mensch glücklicher sein kann mit stark reduzierter Arbeitszeit und einem Leben, das mehr Momente von Kreativität, Spiel, Ästhetik beinhaltet. Beides macht zwar den menschlichen Auseinandersetzungsprozess mit der Natur weniger effektiv, erzeugt aber viel mehr Glück, Lust. Die Überwindung des Leistungsprinzips und der Effektivität ist ein Faktor von Lust.

Wenn man sich heute viele Forderungen von Linken anschaut, geht es ja immer um die Forderung nach mehr Arbeitsplätzen, nach Umverteilung und so weiter. Marcuse schien es eher um eine grundsätzliche Gesellschafts- und Ideologiekritik zu gehen.
Ebermann: Unbedingt. Eines seiner Themen ist die Frage: Was ist in den Menschen, das ihre Sehnsucht nach Herrschaft prägt, das sie Freiheit fürchten lässt? Heute wollen die Menschen keine Nieten in Nadelstreifen, keine Tyrannen, sondern »faire Chefs«. Oder »gut regiert werden«. Oder »Lohnarbeit, von der man leben kann«. Was ja eine Apologetik der Lohnarbeit enthält. Das Moment der Unfreiheit untersucht Marcuse immer wieder.

Wie muss man sich euer Konzerttheater zu Marcuses Schriften auf der Bühne vorstellen?
Stadlober: Das geht vom dialogisierten Boulevardstück, das unterfüttert ist mit der kritischen Theorie, bis hin zur klassisch trockenen Lesung. Eine Art Marcuse-Maschine, die vor sich hin stampft und dabei Ideen auswirft, größtenteils Marcuses Ideen, teilweise auch Sachen, die wir selbst geschrieben haben. Wir lassen eigentlich Marcuse mit sich selbst und mit Zeitgenossen wie Angela Davis debattieren. Und es gibt viel Musik. Und keine klassischen Schauspielsituationen, wo Menschen auf der Bühne etwas anderes als sie selber sind. Ein performativer Abend. Ich finde das Wort »Maschine« dafür ganz gut. Man muss es sich wirklich wie eine Art Dampfmaschine vorstellen, in der verschiedene Löcher sind, aus denen dann immer Sachen rausknallen. Auch die Gewerkschaft der Polizei von 2011 sagt was zu Marcuse. (lacht)

Ebermann: Was ganz lustig ist. Wir wollen Marcuse nicht diskutieren und kommentieren, sondern in Collagen vorstellen. Auch ein 40-seitiges Programmheft gehört zu dem Abend. Darin diskutieren wir mit dem Schriftsteller Dietmar Dath und dem »Konkret«-Herausgeber Hermann L. Gremliza über Marcuses Thesen.

Handelt es sich um politisches Theater?
Ebermann: Das wäre gemein, weil Marcuse so viel spöttische Worte über politisches Theater geschrieben hat. Wenn man jetzt Ja sagen würde, würde man ja zugeben, dass man gegen Marcuses ästhetische Theorie verstößt. Nein.

Stadlober: Unpolitisches Theater gibt es gar nicht. Selbst in der Komödie am Kurfürstendamm hat es mit einer politischen Haltung zu tun, diese Stücke auf die Bühne zu stellen. Theater hat immer etwas mit Politik zu tun.

War Marcuse nicht eher ein Nörgler als jemand, der mit einer Utopie hausieren gegangen ist?
Ebermann: Von der Wissenschaft zur Utopie, das wäre ein nötiger Weg, schreibt er. Damit ist gemeint: Lass mal die naturwissenschaftliche Sachlichkeit, die zu so viel Selbstdisziplinierung, Entsagung und Verzichtsbereitschaft geführt hat, weg. Die Produktivkräfte sind ja soweit entwickelt, dass alle Menschen leicht satt, angezogen, behaust, angstfrei sein können. Dann können wir auch Fantasie sprießen lassen und die materielle Welt nach ästhetischen Kriterien umgestalten. Das ist ein sehr utopisches Postulat. Es gibt ja gleichzeitig das berühmte Bilderverbot in der kritischen Theorie, die Auffassung, dass man lächerlich ist, wenn man das Zukünftige zu präzise auszumalen trachtet, sozusagen ein Modell an die Wandtafel malt, wie es genau mit dem Rätekommunismus funktioniert und welches Gremium welchem rechenschaftspflichtig ist. Das macht er natürlich nicht. Aber in dem Maße, in dem er zukünftige Möglichkeiten andeutet, da ist er sehr mutig. Er hat ein feines Gespür dafür, was Herrschaft, was Unterdrückung ist. Er kann nicht übersehen, was das ist, egal wie groß die konsumptiven Möglichkeiten sind. Er sagt nicht so etwas wie: »Es geht uns doch leiblich gut, wir haben’s doch besser als unsere Eltern.« Er kann die Verarmung und Verkrüppelung der Menschen durch Herrschaft nicht übersehen. Deswegen finde ich das Wort Querulant großartig.

Stadlober: Er sagt nie: »Wenn du A machst, wird B daraus entstehen.« Das unterlässt er.

Ebermann: Er rät, das Schlaraffenland nicht zu fürchten. Ich lebe in der Welt des Arbeitsethos und der Dämonisierung des Schlaraffenlandes. Marcuse rät, so töricht die Vokabel auch ist, sich lieber zum Schlaraffenland als zu Effektivität und Produktivität zu bekennen.

Stadlober: Man muss natürlich auch sagen, dass im Laufe seines Lebens einige utopische Versuche, an denen er teilgenommen hat, dermaßen gescheitert sind, dass er zum Ende hin mit einer utopisch-realistischen Vision auf alles blickt. Eigentlich ist die Kunst für ihn der einzige Ort, an dem diese Versuche für weitere Versuche aufbewahrt werden können. Die Kunst ist für ihn das Refugium dessen, was es an Rebellion mal in der Welt gab, und alles wird in ihr aufbewahrt für irgendwann, wenn es vielleicht von der Konstellation her mal wieder klappen könnte.

Wie unterscheidet man Kunst, in der Kritik aufbewahrt wird, von Kunstgewerbe?
Stadlober: Ein Cézanne auf einer Toilettenwand bleibt einer. Natürlich ist die Kunst an sich auch vom Markt durchdrungen. Aber wenn Marcuse sich zum Beispiel über die Surrealisten freut und der Meinung ist, dass das die einzig revolutionäre wahre Bewegung ist, die es überhaupt noch geben kann, dann meint er eben eine Kunst, die im Prinzip keine Gebrauchskunst ist.

Ebermann: Den affirmativen Charakter der Kunst betont er sehr. Wie gefährlich das ist in der bürgerlichen Welt: Die Verbannung des Schönen, des Guten und des Wahren in die Innerlichkeit, in die Privatsphäre, und daneben gibt es eben die Härte des Geschäftslebens und das Funktionieren.

Was kann man mit einem politischen Musiktheater heute erreichen?
Stadlober: Ach, erreichen. Das ist immer sehr mutig gesagt. Ich würde mir wünschen, dass jemand fünf Tage, nachdem er unsere Inszenierung gesehen hat, statt eines Ohrwurms oder irgendwelchem anderen Schwachsinn aus dem Radio einen Satz von Marcuse in der U-Bahn in seinem Kopf herumdreht und ihn das vielleicht bestimmte Aspekte seines Lebens anders betrachten lässt. Das wäre großartig.

Das wäre schon mehr, als man erwarten könnte, oder?
Ebermann: Insgesamt soll man ja über die Rezipienten nicht so viel nachdenken, das hält einen nur ab. Wir geben uns große Mühe, nicht akademisch zu sein und trotzdem nicht ›Marcuse light‹ anzubieten. Aber wenn mir als Zuschauer die Idee kommt, hier habe ich so eine große Zahl von mir bisher fremden Gedanken gehört und deswegen lese ich jetzt den »eindimensionalen Menschen«, dann ist der Zweck des Abends nicht völlig verfehlt.

Stadlober: Eine Frage, die wir uns bei der Beschäftigung mit Marcuses Denken gestellt haben, ist: Warum war so etwas mal in der Welt? Und wo ist das hin? Warum gibt es diese Position nicht mehr? Warum gibt es die radikale Negation der Verhältnisse, in denen wir leben, nicht mehr? Warum bedeutet es, wenn du gegen etwas bist, gleichzeitig, dass du den Lösungsvorschlag mitbringen musst? Thomas hat das letztens schön auf den Punkt gebracht: ›Die Position des kritischen Konsumenten ist die einzige Form der Kritik, für die man keinen Ärger bekommt, und das ist momentan die am weitesten verbreitete.‹

Warum gibt es die radikale Negation nicht mehr?
Stadlober: Horkheimer oder Adorno sind kanonisiert, die kannst du dir, egal welche politische Überzeugung du hast, ins Regal stellen, und deine Bekannten, wenn sie zum Abendessen kommen, werden dich bewundernd angucken. Bei Marcuse geht das nicht. Seltsamerweise. Er wird von den meisten Leuten irgendwie verleugnet. Viele Achtundsechziger tun den Marcuse in eine Box, in der sie die Träume und Wünsche ihrer Jugend versteckt haben und bei der sie sich einfach nicht mehr trauen, den Deckel aufzumachen.

Könnte man kulturpessimistisch sagen, die Negation ist deswegen verschwunden, weil die Umgebung, in der wir existieren, uns schon viel zu sehr konditioniert bzw. kaputtgemacht hat?
Ebermann: Als Marcuse sein Buch »Der eindimensionale Mensch« schreibt, das 1964 in den USA erscheint, ist die Gesellschaft so konformistisch und oppositionslos, wie sie es nur sein kann. Die kritische Theorie gesteht ihre Ohnmächtigkeit ein. Sie weiß keinen Weg vom Bestehenden zum Befreiten.

Stadlober: Trotz alledem ist sie nicht widerlegt.

Ebermann: Trotz alledem ist sie nicht widerlegt. Dann erlebt Marcuse, der bis dahin unbekannt war - wir müssen uns das vergegenwärtigen: Bis 1967 gibt es kein Buch von ihm auf Deutsch -, plötzlich, dass sich nicht nur in Deutschland eine Rebellion entwickelt. Und eine Signifikanz dieser Rebellion ist, dass plötzlich Tausende junger Leute ihm zuhören wollen. Ich übertreibe absichtlich. Von der Publizistik, die man mit Kartoffeldruck herstellte - so schwach waren die Auflagen -, bis hin zu dem Mann, den man dann plötzlich den »Philosophen der Neuen Linken« nennt und den Tausende hören wollen. Dieser Moment des Überschüssigen in der Rebellion, die im Sande verlief, ist ein großer Moment. Der ist so groß wie der Pariser Mai oder die Fabrikbesetzungen in Turin oder wie die Bewegung der Deserteure in den Vereinigten Staaten wegen des Vietnamkriegs. Und das ist in Integration geendet, das stimmt. Aber diesen Moment gab es, und diesem Moment bringt Marcuse eine unglaubliche Begeisterung entgegen.

Stadlober: Vielleicht wird Marcuse nicht mehr gelesen, weil eben diese Integration stattgefunden hat. Wenn jene, die damals, 1968, dabei gewesen sind - was sich ja viele stolz auf ihre Fahnen schreiben, immer noch, egal wo sie jetzt mittlerweile sind -, das ernst nehmen würden, was Marcuse damals geschrieben hat, würden sie sich ihr eigenes Scheitern eingestehen müssen. Oder ist das zu hoch gegriffen?

Ebermann: Nein, überhaupt nicht. Die Leute müssen auch nicht alles intellektuell durchdrungen haben, wovon Marcuse spricht. Es reicht, wenn sie in einem Grundgefühl, vielleicht auch nur für einen kurzen Zeitraum ihres Lebens, wahrnehmen: Hier ist alles falsch. Und es geht mir nicht um die Bildungsreform - was damals an der Universität ein großes Thema war. Es geht mir um all den Daddelkram, der die Talkshows füllt. Darum, dass heute niemand mehr sagt: »Hier ist etwas grundlegend falsch« oder »hier ist ein Nichteinverständnis von mir, das ich noch nicht verbalisieren kann«. Das ist, glaube ich, tatsächlich untergegangen. Ich bin so umzingelt von Vernunft, ich drehe richtig am Rad, wenn wieder einer mich zutextet, was ich jetzt machen soll: Den Stromanbieter soll ich wechseln, und meinen Kühlschrank soll ich auswechseln. Ich habe das Gefühl, ich werde mit diesem ganzen Kram nicht fertig - neben dem, dass man sich nicht betrügen lassen soll und sich deswegen auch noch mit Schnäppchen und Sonderangeboten auszukennen hat. »Wenn ich erstens pfiffig bin und zweitens auch noch irgendeine moralische Instanz in mir hab’, dann tue ich das Menschenmögliche und schaff’ es noch, dass ich nicht betrogen werde.« Auf diesen armseligen Gedanken, auf dieses Zwergenmaß ist heute Gegnerschaft eingedampft.

Stadlober: Heute hat im Prinzip schon der Schrebergarten im Protest Einzug gehalten. Da ist alles geordnet. Du kannst auch im Protest selber schon nichts mehr falsch machen. Das Moment des Scheiterns ist dem Ganzen gar nicht mehr inne. Dir wird ja von allen Seiten sogar noch erklärt, wie du richtig dagegen sein kannst.

Ebermann: Der Höhepunkt dieses »Nur-noch-konstruktiv-denken-Könnens« war der Streit um Stuttgart 21. Diese Anhörung! Dieses Expertenhafte! »Wie viele Gleise braucht man, dass es auch pünktlich losgeht, wie viel Schaden ist unterirdisch, wann ist der Grundwasserspiegel gefährdet« usw. Dass derlei überhaupt als Protest oder als Opposition gilt!

Stadlober: Niemand traut sich heute mehr, das große Ganze in Frage zu stellen. Man befriedigt sich halt an so ’nem Nebenschauplatz.

Ebermann: Man feiert seinen Kretinismus! Wenn man etwa so eine Forderung betrachtet wie das »gläserne Rathaus«! Ich drehe schon durch bei dem Gedanken! Dass ich, sagen wir mal, in Eimsbüttel prüfe, ob da alles mit den Ausgaben und Einnahmen seine Richtigkeit hat! Oder ob die Schwimmbadsanierung auch einen korrekten Kostenvoranschlag erfahren hat oder teurer geworden ist! Was für eine unglaubliche Belästigung meiner Lust am Denken, vom Leben einmal ganz zu schweigen! Ist aber ideal: die durchschaubare oder gläserne Verwaltung. Ich meine: Tiefer geht’s doch eigentlich nicht. Da bin auf der Seite von jedem, der einfach nur sagt: »Ich will meine Ruhe haben.« Das kommt mir dagegen ja manchmal schon wie eine subversive Position vor! Die Gesellschaft ist oppositionslos und die ganze Welt redet kontrovers über Nichtigkeiten. Es gibt tatsächlich Leute, die nachrechnen: Was bringt denn jetzt diese Finanzmarkttransaktionssteuer wirklich zur Entlastung des Staatshaushalts? Ich möchte das nicht wissen. Ehrlich nicht.

Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek schreibt in einem ihrer Romane den schönen Satz: »In Wirklichkeit ist es gar nicht so schlimm, in Wirklichkeit ist es schlimmer.«
Ebermann: Ich weiß. Es ist alles noch viel schlimmer.

Das Gespräch führte Thomas Blum.

Den »Konzerttheater«-Abend »Der eindimensionale Mensch wird 50« haben Robert Stadlober und Thomas Ebermann gemeinsam mit den Musikern Andreas Spechtl (Ja, Panik) und Kristof Schreuf (Ex-Kolossale-Jugend) komponiert und konzipiert.
Dieser Tage ist das »Konzert-Theater« auf Tournee und wird in Heidelberg (19.10.), Frankfurt (21.10.), Hamburg (23.-25. Oktober), Berlin (29./30. Oktober), Bremen (31.10.), Leipzig (13.11.) und Potsdam (14./15.11.) zu sehen sein. »Versprochen wird ein Abend, der unakademisch ist – und dennoch nicht dem ›gesunden Menschenverstand‹ huldigt«, sagt Thomas Ebermann.

 

>>> Herbert Marcuse (1898-1979) war Politologe, Soziologe, Philosoph. 1917 trat er der SPD bei, die er nach der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts wieder verließ. 1933 emigrierte er, zunächst in die Schweiz, dann in die USA, wo er an Max Horkheimers Institut für Sozialforschung arbeitete. 1954 wurde Marcuse Professor für Philosophie und Politikwissenschaft in Massachusetts, 1964 Professor für Politikwissenschaft an der University of California, San Diego. 1965 nahm er überdies eine außerordentliche Professur an der Freien Universität Berlin an. Seine Studie »Der eindimensionale Mensch«, die beschreibt, wie der Kultur und der Gesellschaft sämtliches kritisches Potenzial entzogen wird, zählt zu seinen zentralen Werken. In ihr sei Marcuse »nicht dem damals gängigen Ost-West-Schema« gefolgt, sondern habe »eine Totalitarismuskritik sui generis« entwickelt, schrieb der Soziologe und Publizist Detlev Claussen.

 




Weiterführende Links:
Neues Deutschland - Die sozialistische Tageszeitung
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