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Themen / [(anti)rassismus]

02.12.2014

Aggression der Etablierten


neues-deutschland.de, 03.12.2014, Interview: Ines Wallrodt

Konfliktforscher Andreas Zick über eingeredete Ängste, Nützlichkeitsdenken und was Flüchtlinge schutzlos macht

Andreas Zick ist Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) in Bielefeld. Er forscht, wie sich die Ansichten und Einschätzungen der Bürger gegenüber gesellschaftlich diskriminierten Gruppen entwickeln – viele Jahre zusammen mit dem Gründungsdirektor des Instituts, Wilhelm Heitmeyer. Mit dem 52-Jährigen sprach Ines Wallrodt.

nd: Mehrfach pro Woche finden derzeit irgendwo in der Bundesrepublik Proteste gegen Flüchtlinge statt. Hat die Ablehnung von Flüchtlingen zugenommen?
Zick: Sie hat nicht unbedingt zugenommen. Die Stereotype und Vorurteile gegenüber Geflüchteten sind schon vorher da. Immerhin hat nach unserer letzten Studie fast die Hälfte aller Deutschen »vorurteilsgeleitete Auffassungen« gegenüber Asylsuchenden und die fallen ja nicht vom Himmel oder entstehen erst dann, wenn Flüchtlingsheime bezogen werden. Wir können in den Studien beobachten, wie verbreitet die Verteidigung von »Etabliertenrechten« ist. Es gibt wieder verstärkt Vorbehalte gegen Menschen, die neu zu uns ziehen. Auch das Potenzial versteckter Vorurteile gegenüber Asylsuchenden ist hoch und wird nun offener und lauter auf die Straße getragen.

Wer oder was ermutigt sie dazu?
Proteste können einen größeren Kreis von Bürgern dann besonders gut erreichen, wenn das menschenfeindliche Potenzial hoch, Zivilcourage um die Protestorte herum schwach ist und sie sich erfolgreich als Tabubrecher und Vertreter der »Wahrheit« stilisieren können. Viele rechtsextreme und rechtspopulistische Gruppen versuchen heute, ein Zeichen zu setzen und handeln nach dem alten Motto: Wir zeigen, wie Sicherheit und Ordnung hergestellt werden.

Anwohner machen gern »berechtigte Sorgen« gegen Flüchtlingsunterkünfte in ihrer Nachbarschaft geltend. Wie berechtigt sind die?
Sorgen und Ängste sind immer berechtigt, wenn Menschen meinen, nicht an Konfliktregulationen und Entscheidungen beteiligt zu sein. Nur das alles legitimiert nicht Vorurteile und menschenfeindliche Einstellungen gegenüber Menschen, die man nicht kennt. Die Ängste sind zudem meist kollektiv und gar nicht individuell. Es geht oft nicht um eine individuelle Angst, sondern um die, dass »wir durch die« bedroht sind.

Die Ängste sind nur vorgeschoben?
Der Protest ist äußerst gemischt. Bei von Protesten, die eskalieren, fällt auf, dass am Anfang nur wenige radikale Gegner die Stimmung anheizen. Dazu gehören vor allem rechtsextremistische Meinungsführer. Die wiederum ziehen die Aufmerksamkeit der extremistischen und populistischen Ränder auf sich, sodass ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit stattfindet. Dem folgt die Inszenierung von scheinbar existenziellen Bedrohungen. Dies bindet dann auch Menschen ein, die zunächst nur Bedenken haben oder diese durch Propaganda eingeredet bekommen. Gute Agitation redet den Mitläufern ja Ängste, Ohnmacht, den Feind und die Lösung - Entfernung des Feindes - erfolgreich ein.

 

Warum sind Bürger so wenig kontaktscheu gegenüber organisierten Rechtsextremisten?
Weil immer weniger Menschen den Rechtsradikalismus als eine Bedrohung wahrnehmen, gegen die sie was tun können oder müssen. Viele meinen, die Problematik werde von den Medien hochgekocht und finden, dass man die Nazis am besten ignorieren sollte. Ist ja auch einfacher, als ihnen entgegenzutreten.

Flüchtlinge lösen dafür umso mehr Gegenwehr aus. Wie kommt das?
Ein Grund dafür ist, dass Minderheiten, also Asylsuchende, Sinti und Roma, aber auch Behinderte und wohnungslose Menschen - gesellschaftlich weniger geschützt sind und in der Meinung Vieler weniger wert. Sie werden nach ihrem ökonomischen Mehrwert beurteilt. Wer als rechtlos betrachtet wird, ist schutzlos. Das erleichtert Vorurteilsbildung und auch Angriffe auf diese Menschen. Deshalb sind Bund und Länder in der Verantwortung, die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen voranzubringen. Sorgen machen sollten uns Menschen, die Ängste vor einer Veränderung ihrer Lebensbedingungen haben und nur von Gegnern der Migration Antworten bekommen.

Weil sich andere nicht für ihre Probleme interessieren?
Seit der Pogrome gegen Asylbewerber 1992 ist die Zahl und Anerkennung von Initiativen gegen Rechtsextremismus gewachsen. Viele Projekte und Bürger haben in den 20 Jahren dazugelernt, allerdings hat sich unsere Gesellschaft auch gewandelt. Zwischen den 1990er Jahren und den menschenfeindlichen Übergriffen damals und heute haben wir viele gesellschaftliche Krisen erlebt. Die Sozialgemeinschaft wurde auf eine Wettbewerbsgemeinschaft umgestellt, was heute dazu führt, dass die Angriffe auf Flüchtlinge ähnlich sind.

Was ist zu tun?
Damals wie heute ist die zivilgesellschaftliche Bildung defizitär. Viele Landes- und Bundesprogramme, NGOs, Gruppen und Stiftungen bemühen sich darum, aber sie schaffen es nicht genug. Bürger müssen kompetent gemacht werden, Menschenfeindlichkeit besser zu erkennen und sich ihr zu widersetzen. Denn fest steht: In den meisten Fällen löst der zivilcouragierte Gegenprotest den Konflikt und die Angriffe auf. Berlin-Hellersdorf und viele andere Standorte erzählen diese Geschichte. Wichtig ist, dass die Menschen, die vor Ort leben, abgeholt werden. Alle Projekte, die nachhaltig erfolgreich waren, haben Menschen vermittelt, was antidemokratische Mentalitäten sind, wie gefährlich sie sind und dass Ohnmacht nur die Macht der Rechtsextremen kennzeichnet, aber keine Haltung ist. Den Rechtsextremismus nicht zu thematisieren, ist Duldung.




Weiterführende Links:
Neues Deutschland - Die sozialistische Tageszeitung





Linke Büros
www.linke-landesgruppe-sachsen.de/index.php?naviID=709