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01.01.2015

Es herrscht eine linke Glorifizierung der Arbeit


Hansjürgen Arlt, http://zukunftskongress2015.die-linke.de, 26.12.2014

Der Kritik am real existierenden Kapitalismus fehlt es an politischer Kraft. Woraus speist sich politische Kraft? Erstens, erklären können, was läuft. Zweitens, verstehen, warum es funktioniert, selbst wenn es falsch läuft.



Unterdrückung und Verführung sind stets im Spiel, aber als einzige Deutungsmuster für das Mitmachen der Vielen erklären sie zu wenig. Drittens, sagen können, wie es anders geht, und gemeinsam überlegen, wie sich Verbesserungen durchsetzen lassen.

Offenkundig reicht es nicht, die Zerstörungen und Verwerfungen des Kapitalismus anklagend zu beschreiben. Eine politische Perspektive für ein besseres Leben der Vielen ergibt sich daraus nicht automatisch. Auch deshalb nicht, weil die historische Alternative Sozialismus als praktisches Projekt im 20. Jahrhundert ein vorerst hoffnungsloses Ende fand. Vor allem aber, weil Kapitalismuskritik nicht nur als linker Protest stattfindet, sondern sich auch in Verzweiflungen und blinder Wut äußert, die rassistische und nationalistische Empörung anheizen.

Die „linke Woche der Zukunft“ will die Lieblingsrhetorik politischer Organisationen vermeiden, in der öffentlichen Kommunikation alle anderen schlecht zu reden und die eigenen Antworten und Lösungen als die wahren und guten zu lobpreisen. Wichtiger noch wäre, eine Debattenkultur einzuüben, die im Jargon der Unumstößlichkeit vorgetragene Ansprüche auf Endgültigkeit nicht ernst nimmt und stattdessen Offenheit für Fragen und Suchbewegungen pflegt. Einen klaren Standpunkt engagiert zu vertreten, sich dabei jedoch nicht zu verhärten und blind zu machen für Gegenargumente, das verträgt sich miteinander. In diesem Sinn sollen die folgenden Überlegungen zur Zukunft der gesellschaftlichen Arbeit, der ersten Themenachse der Kongresswoche, irritieren und dazu anregen, mehr für möglich und diskussionswürdig zu halten als eine auf Rechthaben und Durchsetzen fixierte politische Grundhaltung zulassen möchte. Sich irritieren, eventuell auch korrigieren zu lassen, muss natürlich auch die hier vorgetragene Position bereit sein, die auf folgender Kernthese basiert:

Die linke Hoffnungsbotschaft, die gute Arbeit als Lebensinhalt proklamiert, ist eine Falle.

Es herrscht eine linke Glorifizierung der Arbeit, die nicht sehen will, dass es sich den Mechanismen der kapitalistischen Ökonomie „verdankt“, wenn inzwischen fast jede zweckmäßige Tätigkeit im Gewand einer Arbeitsleistung daherkommt. Die Vorstellung, dass es individuell sinnvolle und gesellschaftlich nützliche Tätigkeiten geben könnte, die nicht arbeitsförmig verrichtet werden, hat in einer „Arbeitsgesellschaft“ keinen Platz, die selbst Trauer  und Liebesbeziehungen noch als Arbeit ausflaggt.
Die soziale Frage der Moderne wird als Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit gewiss nicht falsch, aber auch nicht hinreichend aufklärerisch dargestellt. Arbeit und die Person, die sie leistet, waren vor der bürgerlichen Revolution weitgehend in herrschaftlichem Besitz; Sklaven, Leibeigene, Mägde und Knechte haben die Arbeit geleistet, Adel und Klerus die Erzeugnisse konsumiert – bis auf den elenden Rest, der zum Überleben der Arbeitenden notwendig war.
Eine soziale Umwälzung der Moderne besteht darin, dass die Personen befreit und zu Eigentümern ihrer Arbeitskraft werden. Die Verfügung über ihre Arbeitskraft, also den zeitweisen Besitz der Arbeitskraft, können die Personen gegen Lohn abgeben. Die Arbeitskraft kann, wie jedes Eigentum, wirtschaftlich eingesetzt werden. Alle Personen allerdings, die kein anderes Eigentum haben, stehen unter dem Zwang, ihre Arbeitskraft zu ökonomisieren, wenn sie zahlungsfähig werden und bleiben wollen. Deshalb hat die große Mehrheit der Gesellschaftsangehörigen von sich aus ein Interesse, ihre Fähigkeiten und Tätigkeiten als Erwerbsarbeit anzubieten.
Zugleich ändert sich mit der bürgerlichen Revolution die Wirtschaftsweise. Die vormoderne Bedarfswirtschaft verwandelt sich in eine kapitalistische Geldwirtschaft, in der sich Organisationen (Fabriken, Unternehmen) herausbilden, die Geld nur ausgeben, sofern sie erwarten können, auf diese Weise mehr Geld einzunehmen. Es kommt auf das Mehr, auf das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben und sonst nichts an. Kapital ist nichts anderes als Geld, das zum Zweck seiner Vermehrung investiert wird, sei es spekulativ im Finanzsystem oder produktiv in der sogenannten Realwirtschaft. Ein Mehr, eine Rendite, der Profit, ist besonders zuverlässig dann zu erwarten, wenn die Ausgaben, die Kosten, möglichst niedrig sind. Der Lohn der Arbeitskraft, der ihrem Eigentümer die Zahlungsfähigkeit als Basis seiner sozialen Existenz sichern soll, stellt gleichzeitig eine Gefahr für die Rendite dar.
Natürlich kann man dem Kapitalisten mit gesellschaftlicher Verantwortung und Moral kommen, man kann ihn sogar volkswirtschaftlich mit der Bedeutung der Binnennachfrage konfrontieren – es nützt nur wenig, denn wenn er seinem eigenen wirtschaftlichen Interesse gehorcht, muss er die Arbeitskosten so niedrig wie möglich halten. Solange auf der einen Seite die Bevölkerungsmehrheit auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen ist, und auf der anderen Seite die Käufer der Arbeitskraft aus ihrem Geld mehr Geld machen wollen, wird der Rattenschwanz der Konflikte – Lohnhöhe, Länge der Arbeitszeit, Gesundheitsschutz, Kündigungsfristen, Prekarisierung, Arbeitslosigkeit etc. – nicht enden. Gewerkschaften und Sozialstaat haben diese Konflikte ein Stück weit zivilisiert, aber nicht lösen und auch nicht vor Rückfällen bewahren können. Die Realität kennt bessere und schlechtere Arbeitsbedingungen und der Kampf für bessere lohnt allemal, aber das Hamsterrad des Grundkonflikts dreht sich weiter. Das Kapital ist ein scheues Reh, es flüchtet, wenn die Kosten zu hoch werden; und es ist ein geiler Bock, es grast den Globus nach Niedrigkosten-Regionen ab. „Externalisierung“ heißt die Methode, der Umwelt, der gesellschaftlichen wie der natürlichen, möglichst viele, am liebsten alle  Kosten aufzubürden. Die Rhetorik der Verantwortung und Nachhaltigkeit, welche die PR des Kapitals inzwischen flüssig vorträgt, und die kapitalistisch unvermeidbare Praxis der Verantwortungslosigkeit und Ausbeutung gehen Hand in Hand.

Arbeit findet im Reich der Notwendigkeit statt
Linke Politik steckt im Konflikt zwischen der sozialen Existenzsicherung der Bevölkerungsmehrheit und der ökonomischen Renditesicherung des Kapitals mittendrin, aber sie darf sich nicht darin erschöpfen. Der Grundkonflikt lädt, wie jeder Konflikt, beide Seiten dazu ein, sich an ihm festzubeißen, immer wieder die Argumente und Verhaltensweisen zu wiederholen, die er nahelegt; Bibliotheken und Archive sind voll davon. Eine darüber hinausweisende Perspektive, die Hoffnung macht, eröffnet sich so nicht – obwohl eine Alternative, die Befreiung in der Arbeit und die Befreiung von der Arbeit, längst zum Ideenhaushalt der Arbeiterbewegung gehört. Die Schwierigkeit liegt darin, dass beide Befreiungen Zwillinge sind. Wer existentiell darauf angewiesen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen, wer nicht Nein sagen kann zu schlechten Arbeitsbedingungen, verfügt nicht über die Macht, sich in der Arbeit zu befreien.
Es kommt darauf an, erst einmal die Vorstellung freizulegen, dass es eine große Vielfalt individuell sinnvoller und gesellschaftlich nützlicher Tätigkeiten jenseits der Arbeit gibt, von der humanitären Kraft der Muße gar nicht zu reden. Arbeit findet im Reich der Notwendigkeit statt, die Arbeitsleistung reagiert auf einen vorgegebenen, nicht umgehbaren und insofern fremdbestimmten Bedarf. Selbstbestimmte, aus freien Stücken ausgeübte Tätigkeiten können anstrengend sein, Arbeit im Wortsinn sind sie nicht. Man verliert das Unterscheidungsvermögen, man kann Arbeiten nicht von anderen Formen des Tätigseins unterscheiden, wenn man die Bindung des Arbeitsbegriffs an einen außen vorausgesetzten Bedarf aufgibt. Erste Ursache zu arbeiten sind die natürlichen Bedürfnisse des Menschen. Die moderne Ursache, die Menschen zur Arbeit treibt, ist der Geldbedarf, der ihre Zahlungsfähigkeit sichert. Die ideologische Wende, die Max Weber unter dem Titel „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ beschrieben hat, macht aus der Not die Tugend der Arbeit. Moralisierend zurechtgebogen soll die Arbeit, die Menschen im Schweiße ihres Angesichts verrichten, plötzlich das Leben süß machen. In sozialistischer Überhöhung und Heroisierung begegnen uns später die Helden der Arbeit. Arbeit  ist, um es auf den Punkt zu bringen, eine Wirtschaftstätigkeit. Die Idealisierung der Arbeit trägt zur Ökonomisierung der Gesellschaft nicht weniger bei als die Vergötterung des Kapitals. Wer Arbeiten zum Leitbild und Identitätsstifter macht, wer gute Arbeit zum Zentrum eines guten Lebens kürt, bedient die Arbeitsideologie, die dem Kapitalismus hilft, als alternativlos zu erscheinen.
In der Arbeitsgesellschaft greifen drei Ökonomisierungsprozesse ineinander. Zum ersten werden nützliche Tätigkeiten aller Art, landwirtschaftliche, handwerkliche, soziale, wissenschaftliche, künstlerische, erzieherische, medizinische in Erwerbstätigkeiten verwandelt. Das hat für Sklaven, Leibeigene und Hörige etwas Befreiendes. Zugleich setzt es sie der Notwendigkeit aus, ihren Bedarf an Überlebensmitteln selbst zu decken; dieser Bedarf macht sich als Geldbedarf geltend. Überhaupt rückt die Bezahlung in das Zentrum des Alltags. Um zahlen zu können, muss man bezahlt werden – wofür auch immer. Die bekannten Tätigkeiten werden daraufhin begutachtet, ob sich Geld damit machen lässt; zusätzlich wird überlegt, was man darüber hinaus tun könnte, für das andere bereit sind zu zahlen.
Zum zweiten werden die Erwerbsarbeiten daraufhin beobachtet, ob sie, statt in Nonprofit-Organisationen geleistet zu werden, nicht auch von einer Profit-Organisation übernommen und für Renditeziele eingesetzt werden können. Die Rede ist hier von der Geschichte der Privatisierungen zum Beispiel ehemals kommunaler Dienstleistungen.
Zum dritten wird ständig geprüft, wie die Kosten der Erwerbsarbeit auf technischen Wegen der Mechanisierung, Automatisierung, Computerisierung gesenkt werden können. Ob die Arbeitsleistungen, deren Produkte und Dienste sich verkaufen lassen, von der Technik oder von Menschen verrichtet werden, ist für das Kapital nebensächlich, entscheidend ist die Kostenfrage. Während das Kapital laufend nach billigeren Alternativen zur Bezahlung von Arbeitskräften sucht – nicht ohne gleichzeitig öffentlich zu beteuern, dass ihm Beschäftigungssicherung ein großes Anliegen ist – bedeutet der Abbau von Arbeitsplätzen für die Arbeitskräfte den Verlust ihrer Einkommensquelle. Der Segen, die Arbeit los zu sein, um sich selbstbestimmten, sinnvollen Tätigkeiten widmen zu können, wird zum Fluch der Arbeitslosigkeit.

Das Märchen von der Leistungsgesellschaft
Die Arbeitsgesellschaft ist eine Tätigkeitsverhinderungsgesellschaft. Außer Malochen und regenerativer Freizeit sollen die Menschen nichts kennen und wollen. Selbstverwirklichung, Sinn des Lebens sollen sie in ihrer Arbeit finden. Das ist ver-rückt. Auf diese Schnapsidee ist vor dem Kapitalismus noch kein denkender Mensch gekommen. Das Umtaufen praktisch jeder Art des Tätigseins in Arbeit führt dazu, dass das Arbeitsgefängnis, in das der Kapitalismus alle Menschen steckt, die nicht auf dicken Kissen des Reichtums sitzen, als Wohnzimmer erscheint. Wie ist es möglich, dass die reichste Gesellschaft der Menschheitsgeschichte die Mehrheit ihrer Angehörigen in einem Dauerzustand des (Geld-)Bedarfs und damit des Arbeitszwangs halten kann? Weil sie die gesellschaftliche Arbeit individualisiert. Was in einem engmaschigen Netzwerk laufender Kooperationen stattfindet, wird machtgesteuert zersplittert in persönliche Anteile an Leistung und Vergütung mit so absurden Resultaten: Der Arbeitstag eines Managers mit Sitzungen, Flügen und Arbeitsessen wird hundertmal besser bezahlt als der einer Sekretärin, die das alles organisiert, gebucht, zehnmal wieder geändert und als Terminplan dem Kerl und dessen Chauffeur in die Hand gedrückt hat.
Wer die Befreiung in der Arbeit will, muss die Befreiung von der Arbeit vorantreiben, muss den Menschen die Chance geben, Nein zu sagen zu schlechten Arbeitsbedingungen. Zuallererst gilt es, die Gesellschaftlichkeit der Arbeit anzuerkennen. Im Vergleich zur Vorstellungswelt der sogenannten Leistungsgesellschaft und ihren Bewertungen persönlicher Anteile sind Märchen und Heldensagen harte Faktensammlungen. Was als individuelle Leistungen zugerechnet wird, gleicht den Grashalmen eines Fußballstadions: als hinge der Ausgang der Spiele vom unterschiedlichen Mitwirken einzelner Halme ab. Bevor sich die individuelle Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum entscheidet, muss allen Angehörigen der Gesellschaft ein Mindeststandard an sozialer Sicherheit und Lebensqualität zuerkannt werden. Jede und Jeder ist mit einem garantierten Grundeinkommen so auszustatten, dass sie erstens nicht jeden Billigjob annehmen müssen und zweitens Spielräume haben für selbstbestimmtes Tätigsein jenseits der Arbeitsnotwendigkeiten. Über Details kann gestritten werden, der generellen Weichenstellung für das garantierte Grundeinkommen braucht dieser Streit nicht im Wege zu stehen.




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